„So?“
„Ein alter Teufel von Arzt. Er hatte eine schöne Tochter bei sich. Wahrhaftig: ein schönes Mädchen!“
„Ich weiß es nicht mehr!“ sagte der Slawenapostel zerstreut. Nicolai Schjelting verstummte, ärgerlich, daß er sich wieder hatte gehen lassen, und musterte von der Seite die Schmutzflecken auf Korsakoffs Rock, den von den langen ungepflegten Haaren schwärzlich gefärbten Hemdkragen. Quel animal — enfin... Er frug sich: Warum fange ich denn schon wieder von ihr an? Vor diesem Professor, der wie ein Holigan aussieht?... Ja, Bruder, für Dich freilich wäre eine Zigeunerin noch gut genug! Mein Siegespreis soll edler sein! Nun — Du hast nichts gemerkt!
Nein. Der Professor fing, lebhaft die Hände bewegend, von den Kutzowalachen an. Er hatte beunruhigende Meldungen über die Kämpfe dieser rumänischen Zinzaren auf dem Pindar mit den benachbarten Griechen. An der neuen serbischen Wardargrenze hatte es Feuergefechte mit makedonischen Komitatschis gegeben.
„Viel Menschen tot?“
„Nein. Höchstens hundert!“
„Nun — und wie war es in Agram?“
Der Panslawist zuckte fatalistisch die abfallenden Schultern. Nichts zu machen. Die Zeiten waren vorbei, da man sich auf dem Jellachichplatz an dem Vicebanus vergriff. Gott schlug die Slawenbrüder dort mit Blindheit. Sie hingen an dem König von Ungarn, schauten, statt nach dem Kreml, nach der Ofener Hofburg. Die Schwaben hätten sogar ihn, Korsakoff, verhaftet, wenn er sich nicht als Mitglied der Reichsduma ausgewiesen hätte. Die Beiden gingen die Alexanderstraße entlang. Am Eingang zum alten Friedhof standen zwei elende, kleine Holzkreuze frei auf dem zertretenen Rasen. Menschen und Tiere zogen achtlos an der Stelle vorbei, wo der König und die Königin von Serbien, von ihren Untertanen ermordet und aus dem Fenster des Konaks gestürzt, eingescharrt worden waren. In der Terasiastraße fuhr der neue Herrscher, Peter der Erste, nach seinem Palais. Die Wenigsten kümmerten sich um den gekrönten Schatten oder um seinen liederlichen Sohn. Die Herren dieses Landes waren die Offiziere. Die Säbel rasselten, die Uniformen blinkten. Auf denen, in deren Mitte Nicolai Schjelting des Abends saß, waren vielfach die Abzeichen von Regimentern ferner Standorte, aus Laskowatz und Schabatz. Und doch waren diese Obersten hier und gehörten auch nach ihrem Äußeren vielmehr unter den Belgrader Convoi Leibgarde als unter die struppigen und ruppigen serbischen Linienmilitärs der Provinz. Das waren die Verschwörer von einst. Man zeigte die Königsmörder immer noch nicht gern an vorderster Stelle. Das hätte das Feingefühl des englischen Gesandten verletzt. Aber wo sie waren, war Serbien.
Die gepaschten Virginias qualmten über den Krügeln mit Dreher’schem Bier. Die Zeitungsjungen schrieen die „Neue Freie Presse“ aus. Die Erbschaft des toten Erzherzog Thronfolgers. Die blutbefleckten Soldaten lachten sich zu. Sie wußten Bescheid — nicht nur wie man den eigenen Kriegsherrn beseitigt, sondern auch, wie man, jetzt eben, benachbarte Große der Erde mit dem Revolver aus dem Wege räumt... Ihre Augen funkelten. Ihre Gespräche waren der Krieg. Der Sieg. Sieg über die Türken. Sieg über die Bulgaren. Sieg über ... pst ... noch nicht davon sprechen... Ein Rausch von Blut lag über der Runde, ein Triumphgefühl des Mords, ein Fieber: Was werden sie da drüben machen, in den k. u. k. Landen? Und es war, als brächte der heiße Sommerwind von der Save her als Antwort die Klänge eines langverwehten Lieds:
„Prinz Eugen, der edle Ritter,