„Ihr seid die Bannerträger der orthodoxen Welt, Ihr serbischen Helden! Gestattet, daß ich, der Petersburger, Euch die Schwüre unseres großen Rußlands bringe! Diesmal stehen wir hinter Euch und weichen keinen Zoll! Beim Wundertäter Nikolaus, bei allen Heiligen der Lawra: Im Sommer 1914, so werden noch unsere spätesten Enkel sprechen, ward nach Gottes Wille die slawische Idee zur Tat!“

„Hoch das Heilige Rußland!“

„Lasse Dich küssen, Bruder!“

Ein Sturm der Begeisterung hob die Runde säbelklirrend von den Sitzen. Aus wilden Augen fieberte der Größenwahn des kleinen Barbarenstaats, der im letzten halben Jahrzehnt zweimal schon die Menschheit bis dicht an den Abgrund des Weltkriegs gedrängt hatte. Skuptschinamitglieder und Journalisten am Nebentisch klatschten fanatisch Beifall. In ihren Taschen knisterten die Tausendrubelscheine, die Schjelting am Nachmittag wie welkes Laub verstreut hatte. Er lächelte gerührt beim Bruderkuß der bärtigen, nach mancherlei Schnäpsen duftenden Lippen. Er dachte sich dabei: Enfin... Rien à faire...!... Nur jetzt diese Wilden bei guter Laune erhalten!

Aber als er am nächsten Tag im Orient-Expreß weiter nach Osten fuhr, sagte er sich: Es ist doch gut, daß es Eau de Cologne giebt, um die Liebesbezeugungen dieser Bären abzuwaschen. Tanzt nur, Brüderchen, tanzt! Wir an der Newa pfeifen!... der Zug war wie gewöhnlich überfüllt. Schjelting hatte den letzten freien Platz in dem Salonwagen gefunden. Draußen flogen die Kukuruzfelder Serbiens vorbei... Auf freiem Feld eine Kapelle.

„Ah — Tschela Kula!“

Der Schädelturm... Aus vielen hundert serbischen Totenköpfen von den Türken als Siegeszeichen vor einem Jahrhundert errichtet. Nicolai Schjelting dachte sich zerstreut: Wozu die Mühe? Der ganze Balkan ist ein großer Schädelturm. Im Lehnsessel neben ihm ließ sich Salim Pascha, der greise osmanische Würdenträger, von einem der Effendi seines Gefolges die letzten Nachrichten des „Pester Lloyd“ auf türkisch vorlesen. Schjelting kannte den gefürchteten Diplomaten der Hohen Pforte wohl, ohne ihn zu grüßen. Der Pascha war schon sehr alt. Aber die hellen, haselnußbraunen Augen in seinem feinen, kleinen Gesicht blinkten noch so klug und aufmerksam wie je unter dem dunkelroten Tarbusch des Zivil. Der schlanke, junge Effendi, der ihm vorlas, trug zum Europäischen Anzug den Scharlach-Fez des Heeres. In sein Türkisch fielen im Gespräch deutsche Worte: Etwas von Militärmission.. Halblaut deutsche Namen von Offizieren... Kesselberg ... von Enkel... Boß... Isebrink...

Nicolai Schjelting horchte auf. Isebrink... Hauptmann Isebrink... Ein höhnischer Sonnenschein überflutete seine nervösen Züge. Siehe da! Nicht auf Freierfüßen, sondern auf dem Weg zu den Ungläubigen! Oder vielmehr: mit den anderen Mitgliedern der neuen Militärmission wohl schon dort! Ah — je vous félicite, mon cher! Nein: Ich wünsche mir Glück! Wenn ich wieder nach Wiesbaden komme, werde ich vor einem gewissen Haus keinem Störenfried begegnen. Der Weg ist frei...

Jäh klirrte eine Scheibe. Die Reisenden fuhren auf. Ein Durcheinander: