Sie konnten unbesorgt laut sprechen. Durch das offene Fenster drangen die gellen Rufe der Straßenverkäufer und nebenan rasselte ein halbes Dutzend Schreibmaschinen. Trotzdem dämpfte Schjelting seine lockende Stimme:
„Diesmal ist es etwas Anderes! Das ist nicht mehr das alte Osmanenreich! Von allen Seiten stehen seine Feinde auf!“
„Es hat auch Freunde!“
„Wen?“
„Deutschland... Es ist besser, wir halten uns still!“
Draußen wallten, als Nicolai Schjelting ärgerlich in das Sonnengeflimmer trat, riesige grüne Fahnen durch den Öl- und Fischgeruch und Staubdunst der Gassen. Derwische zogen mit entrolltem Banner des Propheten hinauf zum Seraskierat. Ihr wildes „Huk! Huk!... Er!... Er!... Allah!“ schmetterte durch das aufgeregte Brausen der Tausende auf dem weiten taubenüberflatterten Platz... Man wußte hier im Morgenland nie: War wirklich etwas los? Waren es nur lärmende Lungenübungen, zu denen Hassan den Ali mit sich riß und Sliman den M’hammed. Aber der Igumen Agathangel von einem der orthodoxen Klöster des Berges Athos, der in Geschäften zum ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel gekommen war, machte bei der Begegnung mit Schjelting jene kennzeichnende Slawenbewegung mit den Schultern, die Zweifel, Besorgnis, Fatalismus ausdrückt. Man hatte auf dem Weg über die Sinaiklöster Nachrichten vom südlichen Arabien. Die Beziehungen des Großscherifs von Mekka zum Goldenen Horn gestalteten sich freundlicher, die Wüstenkönige da unten bis Maskat gehorchten neuerdings ihrem Khalifen in Stambul. Ein Zeichen, daß sich etwas Großes im Islam vorbereitete. Seien wir auf der Hut...
„Man wird schon Sorge tragen!“ sagte Schjelting. Die Haltung der Jungtürken beunruhigte ihn, während er eben an dem großen Exerzierplatz inmitten des Häusermeeres vorüberschritt. Tausende von Soldaten übten da um den mächtigen Mahmudturm. Es erinnerte ihn an den Aufzug der Wachen in Berlin, den er oft genug spöttisch lächelnd mitangesehen. So stramm standen diese sehnigen, braunen Burschen aus Anatolien, so scharf und preußisch hallten in türkischer Sprache die Befehle. Nahe der Moschee Mohammeds des Eroberers, im Stadtteil Jani Bagtsche, stand der Konak Ali Fuad Beys. Er schien Schjelting der Letzte, bei dem man noch einen Besuch und Versuch machen konnte. Drei Menschenalter hindurch waren die Beys dieses Hauses und der jeweilige englische Botschafter drüben in Pera ein Herz und eine Seele gewesen. Hier fuhr Nicolai Schjelting am nächsten Tag mit Dienern und donnernden Rappen und aller Würde eines großen, fränkischen Effendi vor. Die kriegerischen, tscherkessischen Leibwächter auf der Schwelle verbeugten sich tief. Er trat ein. Da hörte er im kühlen Halbdunkel der Halle, von der Treppe her, zwei Männerstimmen. Deutsche Laute.
„Wann gehen Sie denn nun nach Mesopotamien, Isebrink?“
„Sobald meine Anstellungsverhältnisse geordnet sind! Ich denke, in vierzehn Tagen!“
„Um die Zeit rutsche ich gerade wieder nach Berlin!“