„Sehr interessant!“ sagte andächtig der Argentinier zu dem Portugiesen.

„Gestatten Sie mir einen Blick auf die Geodäsie, meine Herren Diplomaten! Sand oder Stein — das ist politisch dieselbe Formel. Montenegro — das ist die Mark Brandenburg. Ein kleines Land, das seine Bewohner zu Eroberern erzieht, weil es sie nicht ernährt! Können Sie sich Montenegro als führenden Staat des Balkans denken? Nein. Im Deutschen Reich ist es der Fall. Das märkische Montenegro herrscht. Beachten Sie, meine Herren: ich gebe keine Meinungen. Ich gebe Tatsachen!“

„Man fängt an, zu begreifen!“ sprach der Brasilianer zum Portugiesen.

„Es giebt Methoden des geschichtlichen Denkens, die von selbst zu wichtigen Schlüssen führen. Aus einer Sandwüste ohne Küste kann logischerweise keine Weltmacht werden. Preußen ist ein geschichtlicher Irrtum. Winowat!... Ich schlage hier vor Ihnen, als Vertreter des russischen Geistes, reuig an meine Brust. Wir und England haben das Potsdamer Monstrum gezüchtet, weil wir es gegen Frankreich brauchten. Aber jetzt ist der Hecht im Europäischen Karpfenteich zu groß und gefräßig geworden. Man wird ihn fangen und zerlegen!“

Einer der Zuhörer machte ihm mit den Augenbrauen ein warnendes Zeichen. Nicolai Schjelting drehte sich um. Hinter ihm hatten zwei neu eingetretene Herren Platz genommen. Ein Osmane in Uniform, den Zwicker vor dem feinen Generalstabsgesicht. An seiner Seite der Hauptmann Isebrink. Er war im Abendfrack wie die anderen Herren hier. Aber sein sonnengebräuntes preußisches Soldatenantlitz strafte förmlich das Weiß der Hemdbrust Lügen.

Der Argentinier kannte Mahmud Kiazim Bey. Er glaubte, seine Berufsgenossen mit dem einflußreichen türkischen Abteilungschef bekannt machen zu sollen. Der Hauptmann Isebrink sagte dabei lachend und harmlos zu Nicolai Schjelting:

„Na — wir kennen uns ja schon! Erinnern Sie sich an unsere Begegnung in der Eisenbahn in Belgien? Sie fuhren damals im selben Abteil mit Mr. Nicholson.“

„Ich entsinne mich nicht!“

„Wissen Sie nicht, daß Mr. Nicholson jetzt hier ist? Er sammelt Schmetterlinge! Und wo? An den Tschataldschalinien. Zeigen Sie doch mal, Kiazim Bey!“

Er wies das prächtig, beinahe handgroß in bunten Wasserfarben ausgeführte Bild eines Falters.