„Ich bin Soldat! Sie nicht! Also bitte! Die sibirischen Reservedivisionen sind schon seit Mai auf dem Weg nach Westen. Ebenso die turkestanischen Schützenbrigaden. Das dritte kaukasische Armeecorps hat längst seinen Standort Wladikawkas verlassen. Es gefällt ihm, scheint’s, an der galizischen Grenze viel besser!“

„Woher wissen Sie das?“

„Werden Sie mir in Abrede stellen, Herr von Schjelting, daß im Odessaer Militärbezirk große Teile des siebten und achten Corps längst auf Kriegsfuß stehen?...“

„In der Tat: ich leugne es!“

„Auch die bevorstehende Mobilisierung der drei Reserve-Jahrgänge der Armee?“

„Wenn es des Imperators Wille ist, wird man sie einberufen! Niemand hat dem Zaren etwas vorzuschreiben!“

„Es ist nur, damit Sie Bescheid wissen, meine Herren, falls aus Versehen einmal die Gewehre losgehen sollten!“ sagte Isebrink zu den Kleinstaat-Diplomaten. Dann wandte er sich um und sah Nicolai Schjelting an. Es war eine unangenehme Pause. Dieser Blick hieß: Und wenn Du vorher auf eigene Faust Händel haben willst — bitte: da bin ich!

Schjelting war verwirrt. Das widerfuhr ihm, dem Selbstsicheren, sonst nie. Er entschloß sich, mit einem kühlen Lächeln zu schweigen. Er atmete auf. Da kam der ehrenwerte Arbuthnot über die Schwelle, ein blonder junger Riese, der noch etwas Knabenhaftes an sich hatte. Er war als Kings Messenger zusammen mit einem preußischen reitenden Feldjäger und den Kabinetskurieren anderer Großmächte heute Mittag mit dem Orient-Expreß angekommen. Er brachte die letzten Nachrichten aus Europa. Neuigkeiten?... Nicht daß er wüßte!... Seine britische Majestät war in Windsor, the Kaiser irgendwo in Norwegen, der Kaiser Franz Josef in Ischl. In Paris, von wo er kam, sprach man von nichts als von dem Prozeß der Madame Caillaux. Der Wojwode Putnik befand sich ruhig außerhalb Serbiens: die Welt lag im tiefsten Sommerfrieden. Nicolai Schjelting strich sich nervös mit der Hand über die Stirne. Er frug sich: Was ist das nun Alles? Was haben sie in Wien vor? Man versteht nicht mehr recht... Dabei hatte er das Gefühl, diesem Preußen vorhin die Antwort schuldig geblieben zu sein. Pah... Ein Bluff eines dieser Säbelrasseler. Er versetzte süffisant:

„Man sieht mit Dank gegen Gott: Frieden überall. Nach Allerhöchstem Willen: Wer stampfte den Friedenstempel im Haag aus dem Boden? Seine Majestät der Zar!“

„Und seitdem hören die Kriege nicht mehr auf!“