„Trinken wir auf Serbiens Wohl!“

Sonnenschein über London. Rote Riesen zu Roß als Doppelposten vor Whitehall. Im Durchgang durch die Kaserne der Horse-Guards nach dem Paradeplatz von St. James Park eine Gruppe säbelrasselnder Gentlemen in Scharlach und Schuppenkette.

„Have you news?“

Jawohl. Nebenan, in Downing Street, ein schweres Wetterzeichen für das Schicksal der Welt: Bis zu dieser Stunde, Sonnabend Nachmittag um Drei, hatte der ehrenwerte Edward Grey London noch nicht verlassen, um Forellen zu fangen...

Noch ging die Menschheit auf Erden überall ruhig ihrem Tagewerk nach, läuteten die Sonntagsglocken von der Isaaks-Kathedrale und Notredame, vom Stephansdom und Lateran, von St. Paul’s und der Kaiser-Wilhelm-Kirche das Friedensgebet vieler Jahrzehnte ein: „Unser täglich Brot gieb uns heute!“ Nur durch die Welt der Waffen lief ein erstes, leises Raunen. Es war, als bewegten sich unruhig die Mannlicher-Gewehre in ihren Stutzen in der Hoch- und Deutschmeister-Kaserne der Wiener Edelknaben, als klirrten kaum merklich in Paris und Lyon die Pallasche der Kürassiere von Reichshofen, als summten schwach in Schottland die Dudelsäcke der Schwarzen Wache und der Gordon-Hochländer die alten Weisen ihrer Clans, als neigten sich in der Potsdamer Garnisonskirche stumm die zerschossenen Siegesfahnen über die Gruft Friedrichs des Großen, als wehe ein Erwachen durch die Heere — ein Zurück in jene Zeit, da es noch Schlachten gab...

Nur in Belgien nicht. Zwischen Maas und Yser hatte man keine kriegerischen Erinnerungen. Erst seit wenigen Jahren dienten die Söhne aus gutem Hause, statt daß ihnen der Staat für tausend Francs einen Ersatzmann aus den Arbeitslosen der Straße auflas. Man trug die zwei Jahre mit gutem Humor. Man nahm überhaupt das Leben leicht. Dachte nicht unnütz über die Dinge nach. Die Saison in Ostende nahm ihren glänzenden Anfang. Brüssel amüsierte sich auch im Sommer. Man war galant. Man aß und trank gut. Man verdiente Geld. Man haßte jeden Zwang außer dem der Mode. Man war Klein-Paris — jenes Paris, das übrig blieb, wenn man sich aus ihm alles hinwegdachte: Invalidendom und Bastillenplatz, Pantheon und Triumphbogen, Louvre und Sorbonne, die Gräber Voltaires und Rousseaus, Alles, was von geistiger und kriegerischer Welteroberung früherer Zeiten zeugte. Was für Brüssel davon übrig blieb, das war die Stadt oberflächlichen Genusses, gleißender Fäulnis. Ein „Morgen wieder lustig!“ im Gewühl der buntgeputzten Spaziergänger, dem Fluten der Massen zu den Sportplätzen, dem Tuten der Autos auf den breiten Boulevards.

Nicolai von Schjelting war ohne Aufenthalt von Konstantinopel nach Brüssel durchgefahren. Nicht unter seinem Namen, sondern als Lincoln J. Ley aus New-Orleans in den Vereinigten Staaten. Er hatte stets verschiedene Pässe bei der Hand. Man brauchte nicht immer und überall zu wissen, wo er gerade war. Er schrieb sich auch unter dem Yankeenamen in dem Hotelpalast am Bahnhof ein. Der Geschäftsführer verbeugte sich mit diskreter Zurückhaltung. Er kannte natürlich genau diesen berühmten Russen, der oft genug mit seiner schönen Frau bei ihm unten im Luxusrestaurant diniert hatte. Aber er wußte auch so gut wie halb Brüssel, daß der lang erwartete Bruch zwischen Monsieur und Madame de Schjelting dicht bevorstand. Er wußte auch noch mehr...

Und auch Nicolai Schjelting selbst erfuhr das. Er ging vom Hotel, lautlos, auf Gummischuhen trotz des schönen Wetters, zur oberen Stadt empor. Da hielt unten, noch vor dem Botanischen Garten, ein Renn-Automobil in Form eines elfenbeinfarbigen, in der Mitte durchgeschnittenen Eis. Der Oberbau bestand eigentlich nur aus einem mächtigen Benzintank und einem engen muschelförmigen Sitz für zwei Personen. Der Führer des Wagens war ausgestiegen, um die neueste Ausgabe der „Indépendance“ zu kaufen. Er war ein hagerer, langer Geselle, die Lederhaube bis an die Wurzel der verwegenen Hakennase in die Stirne gezogen. Er kehrte zu der schönen, jungen Frau zurück, die im Wagen auf ihn wartete.

„Ah — papperlapapp... c’était pour rien!“