„Ich möchte keinen falschen Schritt tun! Die Reue kommt zu spät! Helfen Sie mir, Großpapa!“
„Ich werde sehen, was sich tun läßt!“ sagte der Greis. Er fuhr nach dem Hotelpalast am Nordbahnhof zurück. Es schien ihm unterwegs, als fiebere dies ewig heiß brodelnde Brüsseler Gassengewühl in den letzten Stunden noch mehr wie sonst. Die nach vorne offenen Kaffeehäuser waren überfüllt. Zwischen erregten Geberden und lebhaftem Mienenspiel unter Zylinderhüten blinkte an den Straßenecken das Weiß der neuesten Zeitungsblätter. Und doch war dieser alte französische General, der da durch die Straßen der belgischen Hauptstadt fuhr, vielleicht der einzige Mensch, der tiefernst darein schaute. Die Brüsseler selber — ah bah — das Leben floß leicht dahin ... man würde ja sehen ... morgen war auch noch ein Tag... Es gab an den Kursstürzen der Börse zu verdienen... Herr von Rigolet sah ärgerliche, unruhige, neugierige, selbst belustigte Gesichter — aber keines unter den Tausenden, auf dem das Gefühl der Verantwortung für das große Ganze lag. Kein Belgier hätte ihn auch, wenn er ihn gefragt hätte, begriffen. Jeder für sich und Gott für Alle! Wer dachte an die Folgen der Dinge? Man war doch frei! Und England schützte diese Freiheit...
General de Rigolet kam gerade noch zurecht. Die Beiden, der Russe und der Brite, waren eben im Begriff, das Hotel zu verlassen, ein Paar, in dessen Eintracht sich der Wille von Dreiviertel der Erdoberfläche verkörperte. Wer von den Staatsmännern, den Deputierten, den Notabeln, den Redakteuren des kleinen Landes Belgien wagte noch zu atmen, wenn das Zarenreich und das britische Imperium Arm in Arm leutselig lächelnd bei ihm eintrat? Zum Erstaunen des alten Franzosen war Nicolai Schjelting sofort bereit, seine Frau zu besuchen. Es war nur die Frage, ob Sir William geneigt sein würde, hier noch eine Viertelstunde zu verziehen?
Oh — mit wahrem Vergnügen! Der sehr ehrenwerte Higgins war jetzt gegen Ausländer die aufrichtige und schlichte Liebenswürdigkeit selbst. England brauchte in dieser Stunde alle Völker des Erdballs. Und nun gar den Arm der dritten Republik. Nichts konnte ihm angenehmer sein, als von Herrn von Rigolet, diesem hervorragenden Militär-Theoretiker Frankreichs, Aufschlüsse über den Aufmarsch gegen den Rhein zu gewinnen. Sie ließen sich Beide in der Wandelhalle des Hotels an einem Tischchen nieder. Der General war Feuer und Flamme. Seine zitterige Greisenhand malte mit einem Bleistift rasch und geübt die Ostgrenze auf die Marmorplatte. Er dämpfte seine Stimme, damit die ringsherum sich räkelnden Yankees und nägelkauenden Misses aus Arizona nichts hörten. Pah ... keine Sorge! Hierher kamen die Deutschen nicht. Hierher nach Belgien nicht!...
„Täten sie denn von Ihrem Standpunkt nicht weise, nach Belgien zu gehen?“
„Sie müssen! Sie müssen! Ihre Generale begingen ein Verbrechen, wenn sie die Blüte ihrer Mannschaft vor unseren Sperrforts niedermähen ließen, während der Weg nebenan in seiner ganzen Breite von Trier bis Aachen frei ist!“
„Nun also...“
„Haha — — wenn sie nicht, zum Glück, Doktrinäre wären — diese Teutonen! Ihre Professoren werden sich den Kopf zerbrechen, ob es auch erlaubt ist, durch Belgien zu gehen! Sie werden es sich so lange überlegen...“
‚Bis wir von der anderen Seite kommen!‘ dachte sich der Brite. Er brauchte es nicht erst zu sagen. Er und der Franzose verstanden sich schon. Der Alte kritzelte eifrig auf dem Marmortischchen den Süden seiner Schlachtlinie.
„Oh — wir werden nicht müßig gehen unterdessen ... wir Franzosen! Hier die Trouée von Belfort!... Der Rhein... Der Idsteiner Klotz ... die Hüninger Linien ... man wird sie überwinden!...“