„Und dies hier?“
Der General war entsetzt über diese bodenlose, britisch-insulare Unwissenheit in militärischen Dingen. Eine Sekunde stutzte er in dem Gedanken: Und dabei fangen sie einen Weltkrieg an!...
„Dies hier, Mylord, ist die Grenze der Rheinpfalz! Die große Lücke zwischen Hardt und Vogesen! Von hier geht der Stoß bis Stuttgart. Dort werden unsere Braven sich verschnaufen und auf den russischen Kanonendonner von Wien her warten!“
„In der Tat ... sehr interessant!“ sagte der Londoner Zeitungsmann kalt. Beide beugten sich wieder über die zukunftsschweren Bleistiftlinien. Nicolai Schjelting stieg inzwischen die Treppe im Hause seiner Schwiegereltern empor. Den Weg zu dem kleinen Boudoir seiner Frau. Er kannte diese seelenlosen, weißgoldenen Empiremöbel. Er haßte sie, während er auf Ghislaine wartete. Er dachte sich: Werden sie in dieser Familie einmal nicht eine Pendule unter einem Glassturz auf den Kamin stellen? Eher stürzt die Welt ein. Sie sind tötend für einen Mann von Geist, diese Krämer! Langweilig. Einer dem anderen gleich wie die Heuschrecken! Ihre Frauen auch. Drahtpuppen ohne Seele. Kein Wille. Kein Widerstand. Ah ... genug davon...
Er schnupperte in der Luft ... dies wohlbekannte Parfum ... das hatte sie immer noch... Es war, als atmete man Paris ... süßlich ... ein wenig welk ... da lag der ‚Gaulois‘... Alles Paris ... auch sie selbst, wie sie in einem flüsternden Froufrou von weißer Seide, beinahe lautlos, eintrat — dieser weiße Puderhauch auf dem schönen Kindergesicht mit den leise bewegten Nasenflügeln, diese schwermütigen Augen, deren dunkle Tiefe so viel versprach und so wenig hielt. Diese müden und weichen Bewegungen einer Schauspielerin vom Gymnase oder Vaudeville. Sie hatte das Seelenvolle eines leidenden und schmerzlichen Lächelns an sich. Sie blieb mitten im Zimmer stehen, da, wo sie das Licht der Fenster am besten auf sich ruhend wußte, und sagte sanft:
„Ich danke Ihnen, mein Freund, daß Sie gekommen sind!“
Schjelting schwieg, mit einem boshaft-geschmeidigen Gesichtsausdruck. Asien war in seinem Blick.
„Nun, Nicolai: warum sehen Sie mich an?“
„Ich bin erstaunt und betrübt: Sie sind doch sonst eine Frau von Geschmack. Dies Schwarz-weiß steht Ihnen nicht... Erstens sind es die Farben Preußens! Nun, wir werden Wilhelms Schilderhäuser verbrennen...“