Sie zogen vorbei. Exzellenz Tillesen sah ihnen nach. Er dachte sich: Ich war ungefähr so alt, wie Ihr jetzt, da sang ich auch, an einem ebenso heißen Julitag im Jahr siebzig, die Wacht am Rhein. Jetzt, wo ich sechzig bin, steigt die neue Weltenwende auf. Dazwischen liegt ein Leben. Ich glaubte das Leben ganz zu kennen und zu nutzen. Aber man lernt nie aus. Mein Leben war nur die eine Hälfte der Dinge. Nun kommt die andere...

Auf seinen schlichten, graubärtigen Zügen lag die tiefe und ernste Ruhe des Forschers, für den Alles, was sinnfällig in die Erscheinung trat, nur ein Gleichnis ewiger Gesetze war. Noch zögerte er, von dieser hohen geistigen Warte leidenschaftsloser Erkenntnis hinabzusteigen in den Lärm des Tages, diesen Lärm, der bald zum Brüllen der Geschütze anzuschwellen drohte. Noch schwindelte ihm bei dem Gedanken. Noch stand er einsam auf ragender Wacht. Noch war es nicht so weit. Vielleicht war es nur ein Fieberschauer der Erde, von dem sie in einigen Tagen genas. Während er in die Stadt zurückkehrte, stand er im Geist vor der zitternden Menschheit dieser letzten Julitage wie der Arzt am Krankenbett...

„Na ... na ... na... Exzellenz! Nu aber ’mal ’runter vom Mond! Nu wird’s hier nächstens höchst prosaisch!... Das geht nun nicht mehr so, daß Sie in Gedanken an Ihren alten Freunden vorbeilaufen!“

Sein Nachbar, der Generalmajor z. D. Isebrink, stand vor seiner Villa. Er war in voller Uniform. Sein weißer Schnurrbart sträubte sich kampflustig über dem breiten Scharlach der Aufschläge. Auf seinem Helm blinkten Preußenaar und Gardestern. Die Eisernen Kreuze Erster und Zweiter Klasse im Knopfloch und auf dem Herzen stammten ihm von St. Privat und der Lisaine. Seine Augen blitzten wie die eines Leutnants. Er lachte und schlug dem Gelehrten freundschaftlich auf die Schulter.

„Warum denn so sorgenvoll, mein Guter? Nu hilft das nichts! Nu heißt’s durch! Donnerwetter ja... Nu ziehen wir endlich der Gesellschaft die Hammelbeine lang!“

„Und das sagen Sie so strahlend, Herr General?“

„Jawoll, Exzellenz! Tu’ ich!... Ganz gehorsamst!... Ich bin ja wie erlöst... Endlich ... endlich... Lieber, verehrter Nachbar: Sie und Ihr Alle ahnen ja gar nicht, was wir alten Soldaten gelitten haben, in diesen letzten zehn Jahren!“

„Man kann doch nicht wegen Euch Weltkrieg führen!“ sagte der Gelehrte beinahe unwillig.

„Wir! Wir!... Die Anderen sind die Karnickel!... Seit Jahren rüsten sie wie besessen, im Osten, im Westen... überall... Wir ollen Kriegsknechte merken doch so ’was! Im Generalstab in Berlin wissen sie’s natürlich längst!... Aber wir Anderen in Deutschland taten, als wäre nichts! Priesen nur immer rastlos den Frieden! So, als ob es blos auf uns ankäme...“