„Ich freue mich vorläufig blos auf die ersten roten Hosen! Die haben sie nämlich immer noch, die dummen Kerle, genau wie vor ’nem halben Jahrhundert, wie wir den Napoleon fingen. Halten Sie nur blos den Daumen, lieber Freund, daß ich eine Verwendung vor dem Feind kriege und nicht das Herumgepeter hinter der Front! Das kann ich nicht leiden! Ich bin doch rüstig — was?“
„Heute sind Sie ein Jüngling in weißem Haar!“ sagte der Gelehrte. „Und dabei, glaub’ ich, rund vier Jahre älter wie ich! Ich danke Ihnen...“
„Bitte gehorsamst! Gerne geschehen! Wofür denn eigentlich?“
„Nun: Man lernt nie zu Ende!“
Die beiden Männer, die des Kriegs und die des Friedens, trennten sich. Geheimrat Tillesen legte die paar Schritte bis zu seinem Haus zurück. Er sagte sich, in einer neuen Offenbarung: Ich hab’ die Nächte schlaflos im Laboratorium zugebracht und für die ganze Welt gearbeitet und der dort hat wach gelegen und an Deutschland gedacht. Ich habe die Bacillen vor mir gesehen und er die Kosacken. Ich habe den Frieden für selbstverständlich gehalten und er den Krieg. Wir hatten Beide Recht. Das wußte ich nicht. Jeder hatte seine Zeit. Die meine ist jetzt um. Die seine kommt.
Durch einen plötzlichen Riß der Erkenntnis sah er in diesem Augenblick die zweite, im Wirken der Wissenschaft ihm bisher verborgen gebliebene, nie beachtete Hälfte deutschen Wesens. Die Denker, die Dichter, die Erfinder verschwanden, mit denen vorhin sein Sinnen von der Waldwarte hinab die deutschen Lande vergeistigt hatte. An ihre Stelle traten eisengepanzert, in zweitausendjähriger Reihe, die Helden, die Krieger. Und obwohl er von ihnen viel weniger wußte als von jenen Anderen, schien ihm ihre Zahl noch größer. Ein Gewimmel von Recken, Rittern, Fürsten, Generalen vom Teutoburger Wald bis Sedan. Ein Zusammenbruch der Weltreiche vor ihrem Ansturm, von den Cäsaren bis zu den Napoleoniden.
Er dachte sich, während er das Tor öffnete: Der Alte hat vier Söhne für das Waffenhandwerk bestimmt und zieht mit ihnen ins Feld. Meine eine Tochter ist in Italien. Ihr Mann reist eben nach Paris. Meine zweite Tochter habe ich an einen Engländer verheiratet. Meine dritte, die Inge, ließ ich nach Amerika gehen. Ich selbst bin überall zu Hause. In Tokio und Columbia lehren meine Schüler, in Capstadt und Buenos Aires leben meine Patienten, in Irkutsk und Coimbra liest man meine Handbücher...
Er ging durch die verödeten Räume, in denen er so oft das ganze Ausland bei sich zu Gast gesehen. Seit ein paar Tagen war auch seine Sprechstunde von Fremden leer. Die vornehmen Russen waren, ohne ihn zu zahlen, abgereist. Es hatte eine Flucht vor Deutschland begonnen. Er begriff es immer noch nicht recht. Er stand am Fenster und dachte sich: Ja, wir haben uns tausendfach, mit den feinsten Saugwurzeln, über die ganze Erde hin verästelt. Da war kein Boden, aus dem wir nicht geduldig Nahrung zogen. Aber der alte Soldat da nebenan hat Recht, ohne es zu wissen: die Pfahlwurzel, die den ganzen Stamm trägt und hält, die geht steif und strack wie ein Preußenrückgrat, senkrecht hinunter in die tiefsten deutschen Tiefen..
Unten, auf der Sonnebergerstraße, gingen zwei Damen vorbei. Er war so in Gedanken an die Beiden, mit denen er zuletzt gesprochen: seinen Schwiegersohn, der sich des Friedens, seinen Nachbar, der sich des Kriegs freute, daß er Inge und ihre amerikanische Freundin erst erkannte, als sie ihm auf dem Weg zur Stadt von unten zuwinkten. Ethel Lawrence war lang und laut. Sie wirkte durch ihre Pariser Toilette und ihre sorgfältige Haut- und Haarpflege viel jünger als ihre vierunddreißig Jahre. Eigentlich war sie hübsch, trotz des zu großen Mundes, den ein oberflächliches und liebenswürdiges Lächeln kaum verließ. Sie schwatzte unaufhörlich. Man hörte ihr durchdringendes, näselndes Englisch noch auf fünfzig Schritte. Es fiel dem Geheimrat auf, daß Inge sehr still daneben ging, den Blick mit einem hartnäckigen und zurückhaltenden Ausdruck am Boden.