Inge Tillesen hob unwillig die Schultern hoch, trat in das Innere des Zimmers zurück und klingelte, um dem Diener den Herrn da draußen zu zeigen und ihm einzuschärfen, daß man für ihn unbedingt nicht zu Hause sei. Niemand kam. Sie wartete eine Weile. Dann öffnete sie die Tür und rief ungeduldig in die dämmerige Eingangshalle:
„Karl, wo stecken Sie denn, wenn man Sie braucht?“
„Guten Abend, Fräulein Tillesen!“
„Um Gotteswillen ... wer steht denn da?... Wer sind Sie denn?“
„Erlauben Sie mir, in den Salon zu treten! Ich bin kein Mann der Antichambre.“
„Ja, wie kommen Sie denn hier herein?“
„Ich kam zufällig an Ihrem Hause vorbei. Ich sah Sie am Fenster. Ich fand das Haustor offen. — Ihr Diener hatte die Güte, es nicht zu schließen, während er um die Ecke lief — — Et me voilà!“
Nicolai von Schjelting sagte es lächelnd, als sei heute ein Tag wie jeder andere. Er stand mitten im Zimmer, so hell im Abendlicht, daß sie deutlich die Schatten der Schlaflosigkeit unter seinen großen, grauen Augen, die tiefgefurchten Linien nervöser Unruhe auf seinen lebhaften länglichen Zügen erkannte. In der Art, wie er den Kopf etwas zur Seite legte und sie verbindlich ansah, war ein Gemisch von Dünkel und Schmiegsamkeit, fast Unterwürfigkeit. Der wohlbekannte leise Petersburger Hauch von feinstem Beßarabischen Tabak und Kölnisch Wasser ging wieder von ihm aus.
„Sagen Sie um Gotteswillen: Was suchen Sie eigentlich hier?“
„Sie.“