Der Mann war irgendwo und sie zehn Schritt weiter, eingekeilt in eine neue Menschenmasse. Nun waren plötzlich ringsum weiße Hauben, stille Gesichter, niedergeschlagene Augen. Ein ganzes Nonnenkloster, paarweise, die Köfferchen in der Hand, auf dem Weg von Oberbayern nach den Vogesen. Inge Tillesen dachte sich: die gehen schon an die Front! Er auch. Ich verfehle ihn noch hier!

„Bitte, wissen Sie nicht, wann der nächste Zug aus Wien...“

Aber nun war sie mitten unter Angelsachsen. Flüchtende Bayreuther und Münchner Festspielgäste. Engländer und Amerikaner. Sie saßen ratlos, wie die Schiffbrüchigen, auf ihren Koffern. Soldaten rollten Handwägen mit Kaffeesäcken, Gepäckträger schoben eine kranke Dame im Fahrstuhl. Neue Menschenstrudel hinterher, auseinandergerissene Familien, die sich zuschrien und winkten, Offiziere, Papiere in der Hand. Aber alle bayrisch hellblau. Von Paul Isebrink keine Spur. Sie dachte: Wahrscheinlich ist er auch noch in Zivil! Sie wurde von der Menschenmauer mitgepreßt. Dort in der Ecke stürmte man die Züge nach Berlin. Vielleicht saß er darin. Aber wie ihn finden? Es hatte keinen Zweck. Sie drehte sich um und arbeitete sich gegen die beiden Bajonettspitzen der Bahnhofwachen durch, die den Ausgang anzeigten. Draußen in der Vorhalle, die immer noch ein brausendes Menschengewoge erfüllte, machte sie mutlos Halt. Sie war erschöpft. Sie sagte sich, was sie sich schon den ganzen Tag bis in diese späten Nachmittagsstunden hinein gesagt hatte: Den Orient-Expreß hab’ ich glücklich verpaßt! Bis Mitternacht hab’ ich mir die Beine in den Leib gestanden. Bei Tagesanbruch soll er mit Gott weiß wieviel Stunden Verspätung angekommen sein. Behaupten sie wenigstens! Andre meinen, er wäre überhaupt noch nicht da...

Dann hatte sie noch eine Hoffnung: Wenn er vernünftig ist, geht er da draußen auf und ab, damit ihn sein Vater sieht! Sie trat ins Freie, schritt suchend bis zu dem Karlsplatz. Die Sonne brannte, die Luft flimmerte, die Menschen fieberten. Das Bild des Kriegs, wie es im Frieden nur der Süden bot. Tausende und aber Tausende, die scheinbar untätig auf Straßen und Plätzen beisammen standen, halblaut sprachen, sich um die Extrablätter drängten. Ein unterirdisches Brodeln und Kochen. Ab und zu ein jäher Ausbruch. Spione im Land... Spione... „Fangt’s die Schlawiner!“

Inge Tillesen konnte gerade noch zur Seite springen. An ihr vorbei stürmte es von überall nach dem vom Schutzmannspfiff aufgehaltenen Auto. Ein Handgemenge drinnen mit der wild um sich hauenden Mannsgestalt in Frauenkleidern ... fort ins Polizeipräsidium ... wieder ein Serbe weniger...

Das erste Aufzucken der seit Menschenaltern schlafenden Ur-Instinkte der Schöpfung. Der Kampf ums Dasein. Wie in der Urzeit. Auge um Auge. Leben um Leben. Vergiftetes Wasser... Französische Flieger über Nürnberg... Goldtransporte im Auto auf der Landstraße... Und wieder Sturmgesang um eine schwarz-weiß-rote Fahne: „Fest steht und treu die Wacht am Rhein!“ Es brandete und brauste um Inge Tillesens Ohren. Sie ging weiter. Sie suchte. Und dachte sich: Wie oft konnte ich das eine ‚Ja‘ sagen, das ich jetzt nicht anbringe! Damals war mir das Schicksal nah. Ich brauchte es nur zu rufen. Jetzt ist es zu groß geworden und ich zu klein. Es kümmert sich nicht mehr um Einzelne. Ich mag noch so sehr laufen — ich hol’ es nicht mehr ein... Es geht mit Siebenmeilenstiefeln...

Vor dem großen gelben Eckgebäude des General-Kommandos hielten Reihen von Kraftwagen. Es war ein Hasten hin und her durch das Tor. Auf dem Bürgersteig davor standen Offiziere in Gruppen. Alle noch in bayrischen Friedensuniformen. Inge sah das Himmelblau des Fußvolks, das Grün der Chevauxlegers, die breiten, roten Beinkleidstreifen der Artillerie. Aber dann tauchte da aus dem Dunkel des Torwegs ein bisher in Deutschland nicht geschautes Waffenkleid auf. Alle Offiziere musterten es, während sie grüßten, und hatten dabei ein leuchtendes und kampflustiges Lächeln, alle Vorüberkommenden blieben stehen und wandten die Köpfe mit einem überraschten und oft ehrerbietigen Ausdruck: Es war etwas Feierliches um dies erste Feldgrau, diese gelbledernen Gamaschen, diesen staubfarben überzogenen Helm. Es war, im Fortfall alles Friedensprunks und aller Farbenfreude, die erste Verkörperung der ungeheuren Schicksalsstunde, das erste wandelnde Sinnbild des größten Krieges aller Völker und Zeiten.

Links davon ging, auch als ein Vorbote des kommenden Gewimmels feldgrauer Millionen, ein langer, hagerer Leutnant. Er trug in der Herzgegend ein Abzeichen auf dem Waffenrock, das Inge nicht kannte. Dahinter kam, noch in preußischer Friedensuniform des Großen Generalstabs der Armee, ein kleiner, eleganter Hauptmann. Zwei Damen begleiteten ihn, Mutter und Tochter. Man sah es an der Ähnlichkeit.

Paul Isebrink war in ein Gespräch mit dem anderen Generalstäbler vertieft. Aber seine scharfen Augen waren gewohnheitsmäßig überall. Ihn überraschte man nicht. Schon auf hundert Schritte Entfernung erkannte er Inge, die da unschlüssig mit umgehängtem Geldtäschchen, das Kartenpaket in der Hand, stand, sagte hastig dem Kameraden ein paar Worte und eilte allein auf sie zu. Ihr schien, als hätte er nie so gut ausgesehen wie in diesem Augenblick. Noch straffer, abgemagert und gebräunt von der Sonne des Südens, schon in Kriegstracht, und Kriegslust in den verwegenen Augen und um den lachenden Mund. Und eine ungläubige Freude, die ihr galt, die sie plötzlich stolz machte vor den Blicken all der Leute, die ringsum stehen geblieben waren und wohlgefällig auf ihn und sie schauten. Die dachten sich schon ihr Teil, während er auf sie zustürmte und ihre freie Hand zu fassen bekam und schüttelte, daß er ihr beinahe weh tat.

„Herrgott, Inge!... Das ist ja ein tolles Zus...“