Nicolai von Schjelting schluckte ein paar mal heftig. Er hätte gewünscht, im Freien zu sein. In der schützenden Finsternis draußen. Seine Angst stieg und stieg. Er hielt es kaum mehr aus. Er wollte sich mechanisch eine Papyros drehen und zuckte im letzten Augenblick zurück. Um Gotteswillen — dadurch verriet er sich wieder als Russen! Bei jeder Gelegenheit! Nur fort von hier ... fort... Das da um Einen — das war nicht mehr der Deutsche Michel...

Der Zug hielt. Noch vor einer Station, die keine Einfahrt gab. Es schien ein Vorort von Leipzig zu sein. Man hörte es aus den Gesprächen von Menschen draußen, die aus den Wagen kletterten. Offenbar wohnten sie in der Nähe und legten die kurze Strecke lieber zu Fuß zurück. Nicolai Schjelting sprang auf, drängte sich zwischen den vielen verschränkten Beinpaaren durch, atmete auf dem Bahnsteig die kühle Morgenluft ... ah ... man war gerettet... Er fand sich allein auf einer der äußersten Randstraßen des rings um Leipzig gelagerten Fabrikgürtels, im Dämmergrauen, halb auf freiem Feld, halb zwischen den letzten Häusern. Und doch war ihm plötzlich jubelnd ums Herz. Er sagte sich: Hierhin hat mich das Schicksal geführt. Dies ist die Stelle, wo Deutschland sterblich ist. Ich habe dieses Problem studiert. Ich habe in meinem „Essai contre le Teutonisme“ geschrieben: Industrialismus und Militarismus heben sich in Wilhelms Landen gegenseitig auf. So wird uns in der Stunde der Entscheidung dort kein Bismarck, sondern ein Hamlet gegenüberstehen. Die Pangermanisten kennen sie wohl, diese Hymne: ‚Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will!‘ Sie wissen, daß dann allüberall eine schwielige Faust den ehernen Riegel des Volkswillens vor die Fabriktore legt!

Es glühte noch kaum das erste Morgenrot im Osten, und doch war ringsum im Zwielicht eine geheimnisvolle Helle, ein rotflackerndes Atemholen der Schlote, purpurnes Funkensprühen, ein summendes Stampfen von Nah und Fern. Im Zwielicht lebten die Wege. Waren erfüllt von langen Zügen dunkler, rüstig schreitender Männer. Reihen von Radfahrern schossen an ihnen vorbei. Die ersten Straßenbahnen klingelten. Nicolai Schjelting fuhr sich über die Stirne und sah im dumpfen Staunen: Deutschland ging, als wäre nichts geschehen, auch heute morgen mitten im aufziehenden Weltkrieg an die Arbeit...

Es fiel ihm schwer, das zu glauben. Wo blieben die roten Fahnen? Es wurde hell. Nichts war zu erblicken als Ordnung und Ruhe. Schjelting schritt nach der Stadt... Er sagte sich zum Trost: Man hat diese Enterbten unter die Waffen gerufen. Sie werden da innen irgendwo zusammenströmen, um zu protestieren! Ah — da biegt es um die Ecke — es nimmt kein Ende — ein vielhundertköpfiger Zug. — Sie marschieren in Schritt und Tritt, diese jungen Männer — sie singen — aber sie singen ein Schlachtlied des Trotzes! Das Pflaster zittert unter dem Tritt der Arbeiter-Bataillone... Die Kriegspartei zittert vor ihnen...

Er drängte sich heran. Er beugte atemlos, mit aufgerissenen Augen, den Kopf vor, um die Worte des brausenden Massenchors aufzufangen. Hunderte, die Bündel unter dem Arm, auf dem Marsch zur Kaserne sangen es in Schritt und Tritt:

„Mit Herz und Hand

für’s Vaterland...“

Nicolai Schjelting eilte davon, blindlings die Straßen hinab, durch das immer wildere Gewimmel der Innenstadt, die Fahnen, das Hurrah, die Umzüge, alles, was er nun schon kannte. Er erreichte den Hauptbahnhof. Auch da, trotz des frühen Morgens, ein unabsehbares Gewühl. Aber sonderbar: ein unsichtbares Uhrwerk regelte das Chaos. Für jeden war gesorgt. Auch er fand seinen Stehplatz im Gang eines Wagens nach Berlin. Eben als man abfuhr, sprang noch ein kleiner, behender Sachse auf und drängte sich neben ihn.

„Gottvertimmich! Ich mächte doch ooch mitgommen!“

Dann winkte er, noch atemlos, seinen Freunden draußen: