„Zum Donnerwetter — wer flennt denn da? Sind Sie denn schon einberufen?“
„Sie wollen mich ja nirgends haben! Bei sieben Regimentern hab’ ich mich schon gemeldet. Immer sprechen sie, das wär’ noch nichts mit meinem Brustumfang...“
Er schaute kummervoll mit nassen Augen auf. Es zeigte sich, daß er ein Kaufmannslehrling aus Kassel war. Nun hatte er seine Stellung aufgegeben und reiste überall herum mit seinem Pappbündelchen unter dem Arm, und sie mochten ihn nicht. Seine Hoffnung war jetzt die Marine. Er war auf dem Weg nach Wilhelmshaven. Man tröstete ihn. Der Student gab ihm eine Karte:
„Mein alter Herr ist Staatsminister! Schlimmstenfalls kann er ’was für Sie tun! Aber eilen Sie sich. Er rückt zugleich mit mir und meinen Brüdern aus!“
Und vom Gang her rief es aufmunternd wie ein Hauch von Salz und See:
„Jong... Jong... Kopf hoch... Dich können wir bruken!“
Ein blonder Siegfried von einem deutschen Seemann war es, auf dem Weg von seinem Handelsschiff in Genua zu seinem Gestellungsort in Kiel. Er stand mit ein paar deutschen Köchen und Kellnern, die aus der Schweiz zu ihren Regimentern eilten. Er trug Bürgerkleid wie sie und all die Andern. Aber es war Nicolai Schjelting in seiner Ecke, als hätten sie alle zusammen schon denselben Waffenrock, denselben Willen, den die Pickelhaube krönte. Er begriff das nicht. Er versuchte, es sich zu analysieren. Er frug sich: Wie können die Deutschen denn jetzt auf einmal einig sein? Fröhlich? Herzlich wie Brüder. Der Alkohol? Er ist ja auf allen Bahnhöfen gesperrt. Nein: dieser Rausch kommt ihnen von Innen...
Dieses neue Fiebern und Brausen. Dieses tausendstimmige ‚Deutschland, Deutschland über Alles!‘ über strudelndem Menschengewoge. Es war wieder wie das grimme Lachen eines unsichtbaren Riesen unter der Bahnhofswölbung von Nürnberg. Dann fuhr der Zug wieder in die Nacht hinaus. Man schlief. Aber die draußen auf dem Gang Stehenden hatten kleine elektrische Taschenlampen, sahen nach der Uhr, lösten auf die Minute alle zwei Stunden die Innensitzenden ab wie die Schildwachen. Das war im Handumdrehen organisiert. Nicolai Schjelting saß wach. Er sann: Was haben diese Leute für Nerven? Sie haben ihre Heimat verlassen, Abschied von ihren Eltern und Familien genommen, ziehen in einen furchtbaren, aussichtslosen Krieg gegen die halbe Erde, und dabei schlafen sie! Und wenn sie aufwachen, machen sie womöglich im Dunkeln miteinander Witze... Wahrlich — wenn sie nicht so verblendet wären, könnte man sich vor ihnen fürchten...
Ein Frösteln der Seele überlief ihn in der glühend heißen Augustnacht. Er prüfte sich mit gerunzelter Stirne. Er liebte es, immer mit sich und über sich im Klaren zu sein. Das war sein Vorsprung vor der Verschwommenheit allrussischen Denkens. Und er gestand sich: Das war etwas, was er noch gestern für unmöglich und lächerlich gehalten hatte. Das war Angst vor Deutschland! Unbegreifliche Angst...
Er wollte sich beruhigen: Das sind die Nerven. Die schlechte Luft. Die Enge zwischen diesen schnarchenden Teutonen. Man ist im Gefängnis. Wehrlos. Wenn sie mich entdecken, schlagen sie mich tot, oder werfen mich aus dem Zug. Diese lachenden Leute sind zu Allem fähig...