„Immer kalt Blut und warm anjezogen!“
Nicolai Schjelting schritt durch die Säle. Menschen genug. Geschäftiges Hin und Her. Gedränge und Wortwechsel an einzelnen Schaltern. Aber wenn man näher trat, hörte man meist Englisch, Spanisch, slawische Laute vom Balkan. Ausländer, die in Eile ihre Beglaubigungsbriefe zu Geld machen wollten. Die Deutschen, die verzweifelten, geängstigten Deutschen, die er mit grausamer Neugier suchte, fand sein Auge nicht. Die Deutschen waren draußen. Ein ungeheures Brausen klang vor den Fenstern, aus dem schwarzen Menschengewimmel der Linden. Sturmstöße von Hurrah über dem Meer von Köpfen, zu den grauen Zinnen jenseits der Spree empor, auf denen das Kaiserbanner purpur-golden vor dem tiefblauen Sommerhimmel wallte.
Auch dies ist anders als ich dachte, sagte Schjelting zu sich. Er stand immer noch, in Gedanken versunken, vor der Bank. Ein kleiner, dicker, brünetter Herr, mit pechschwarzen Rattenaugen in dem pfiffigen Gesicht kam heraus, stutzte und grüßte ihn. Er erkannte Achille Macrî, den Petersburg-Pariser Finanzagenten, den er zuletzt in Konstantinopel gesehen. Er frug den Levantiner halblaut auf Französisch von obenher:
„Nun... Sie noch hier?“
„Ich bin doch griechischer Staatsangehöriger. Ein Neutraler! Aber Sie, Herr von Schjelting?“
„Ich kann doch nicht mehr fort. Sie müssen mir helfen!“
„Unmöglich!“
„Nun: Im September werden hier in Berlin unsere Ussuri-Kosacken die Stirnringe der Gurkhas küssen! Man wird sich dann in Petersburg erinnern, wer am Vorabend des Siegs einen Sohn des großen Rußland im Stich ließ!“
Seltsam, in dem Augenblick, wo er das sagte, glaubte er nicht mehr so fest an den Sieg, wie sonst. Das schien ihm selbst unbegreiflich und unmöglich. Aber es war so. Auf Achille Macrî indessen machte die Drohung Eindruck. Er rollte unruhig die schwarzen Augen:
„Es fährt ein Amerikaner in dieser Woche im Auto nach Holland. Man hat es ihm erlaubt. Ich kenne ihn... Haben Sie gefälschte Pässe?“