„Morgen Nacht am Hook van Holland! Ich erreiche in Liverpool noch die Mauretania.“
„Haben Sie es so eilig?“
„Ich sollte längst drüben sein. Ich hatte hier eine Operation. Die deutschen Ärzte haben mir das Leben gerettet.“
Deutschland ringsum in Sommerfrieden und Erntesegen! Ährengold unter dem Himmelsblau. Die weißen Kopftücher der Frauen und Mädchen, die mit der Sichel die Garben schnitten, die grauen Schlapphüte der Wehrkraftjungen, die sie zu den kuhbespannten Leiterwägen schleppten.
Wo die Pferde? Sie füllten in langen Zügen die Landstraßen. Sie quollen in Massen aus allen Dörfern, von Knechten geführt. Schjelting dachte: Man sollte gar nicht glauben, daß es so viel Pferde auf der Welt gäbe...
Wo die Männer? Sie kamen aus jeder Hütte und aus jedem Haus. Sie wanderten auf allen Ackerpfaden, einzeln und in Gruppen. Sie nahten sich aus entlegenen Forsthäusern und Windmühlen. Es gab keine Schwelle, wo nicht Einer stand und Abschied nahm. Jeder hatte die gleiche Haltung. Jeder schritt rüstig, in wortkarger norddeutscher Art, der Station, der Kreisstadt in der Ferne zu. Nicolai Schjelting warf den Kopf zu dem Amerikaner herum.
„Können Sie begreifen? Diese Leute kommen von selbst! Niemand holt sie. Kein Kosack treibt sie. Wie ist das möglich? Dabei sind es nicht mehr die ganz Jungen. Sie lassen Weib und Kind zuhaus.“
„Bei uns verdient ein Arbeiter Dollars fünf den Tag!“ sagte der Yankee. „In den Zeiten der Prosperität läßt er sich nicht leicht anwerben!“ Dann plötzlich, unvermittelt, mit einem Seufzer: „Meine Mutter war noch eine Deutsche! Sie kam mit sieben Jahren hinüber!“
Sonderbarer Mensch! dachte Schjelting. Sie hielten auf dem Marktplatz einer kleinen altmärkischen Stadt. Wieder die Ausweise. Nebenan war das Bezirkskommando. Das Klappern der Schreibmaschinen durch das offene Fenster. Junge Mädchen zur Aushilfe. Und ihre geschäftsmäßigen Stimmen: „Zweihundert Doppelachsen Preßheu um 2 Uhr 20 an Rampe II des Güterbahnhofs.“... „Fräulein Runge — geben Sie mir doch mal die Benzin-Beschlagnahme-Liste herüber!“... „Heute Abend noch diese Verfügung ins Amtsblatt, betreffend Erdarbeiter für Pommern.“ Und im Nebenraum saßen die Unteroffiziere in ihren blauen Litewken wie sonst, fertigten die Wehrpflichtigen ab, die sich draußen auf dem Hof vor dem Bezirksoffizier aufreihten. Und in dem nächsten Zimmer telefonierte eben der Bezirkskommandeur selbst nachdrücklich und langsam an die Bahnhofswache: „Also punkt 12 Uhr 35 fassen 1018 Mann hier Mittagessen... Von Nachmittags 4 Uhr ab abgestandenes Wasser in Eimern zum Tränken der durchkommenden Kavallerietransporte. Nicht frisch vom Brunnen. Sonst holt den Betreffenden der Deubel. Für Kaffee sorgt das Rote Kreuz!“ Und dann, das Hörrohr abhängend, zu der Dame hinter ihm: „Aber ununterbrochen, wenn ich gehorsamst bitten darf, gnädige Frau. Die Züge folgen sich nach wie vor mit fünf Minuten Abstand!“ Und die frische Landrätin hinter ihm lachte. „Na — auf meine Helferinnen-Organisation können Sie sich verlassen. Die Mädels sollen nur springen!“