Die Telegrafen-Apparate tackten rastlos. Radfahrer in Uniform flitzten davon. Bestaubte Ledergestalten sprangen vom Motor ab. Stadträte, Ärzte, Lieferanten gingen aus und ein. Aber Alles erfüllte sich in Ruhe wie das Walten eines Naturgesetzes. Im Weiterfahren schleuderte Schjelting jäh die Zigarette aus dem Wagen:
„Das ist kein Land — das ist ein Mechanismus! Es hat keine Seele! Wo bleibt die allgemeine Unordnung? Sie ist doch unvermeidlich, wenn man Millionen aufruft! Aber hier ist alles zur Stelle. Jeder Mensch ist numeriert. Jedes Ding hat seinen Stempel. Das begreife, wer mag!...“
„Ich habe von Deutschland nur Gutes erfahren!“ sagte der Amerikaner langsam. „Es rettet mir jetzt mein Vermögen, indem es mir die Ausreise erlaubt!“
Es klang bedrückt. Er hörte kaum, wie Schjelting fortfuhr, mit einer Hoffnung in der Stimme:
„Aber vielleicht endet diese Maschine mit dem eigentlichen Preußen. Wir haben die Elbe hinter uns!“
Niederdeutschland begann, mit seinen fruchtbaren Ebenen und dem Dämmern der Harzberge im Süden, den mächtigen Dächern seiner Bauernhöfe, den mittelalterlichen Fachwerkbauten der Welfenstädte. Aber das Bild blieb das gleiche. Nur die Pferde, in ihren zusammengetriebenen, endlosen Zügen auf der Landstraße, scheuten jäher als bisher vor dem der sinkenden Sonne nachrasenden Kraftwagen. Denn sie waren hier von edlerem Schlag. Dann grüßte plötzlich zwischen wilden Heckenrosen ein Muttergottesbild am Wege. Nicolai Schjelting war orthodox. In seinem Byzantiner-Glauben trat die Jungfrau Maria hinter die Taube des Heiligen Geistes zurück. Trotzdem lächelte er mit neuer Zuversicht beim Anblick der sieben Schwerter im Herzen der Dolorosa. Nun verblich der harte Luthersche Norden. Der weichere deutsche Süden und Westen hub an. Klöster auf den Hügeln. Heiligenbilder und Blumensträußchen hinter Glas im Steinschrein am Weg. Nun würden auch die Menschen anders werden... Gedankenvolle, träumerische Deutsche, wie er sie liebte...
„Halten Sie s—till, nich?“ Da standen jetzt blonde, blauäugige Riesen der roten Erde statt des weißen märkischen Sands und hemmten das Auto. Es war unter den Mauern eines großen Klosters. Aber dieses Kloster lag leer mit gähnend offenen Zellenfenstern. Der eine Niedersachse erklärte es dem Chauffeur, die Papiere zurückgebend.
„Die hochwürdigen Herren haben sich zur Verfügung der Militär-Behörden ges—tellt! Der Prior, der Subprior, die Patres, die Fratres, die Novizen, alles ist im Feld!“
Am Dorfeingang stand noch ein bärtiger, kräftiger Mönch. Er war gestiefelt und gespornt, trug Schlapphut und Reitgamaschen und über dem violetten Feldbesatz der Kutte ein großes Kruzifix. Er nahm Abschied und schüttelte rechts und links die Hände seiner Beichtkinder. Der Kraftwagen schoß dahin. Nach einer Weile sagte Schjelting erbittert: