„Nun eben!“

Sie lachte. „Warum schaust Du mich denn so kummervoll an?“

„Das kommt davon, wenn man Witwer ist, Inge! Ich hätte Dich nicht so lange nach Amerika lassen sollen. Die zwei Jahre in Boston waren für Dich viel zu viel!“

„Ich finde, sie haben mir sehr gut getan!“

„Du bist innerlich viel zu unabhängig geworden!... Amerika ist nicht Deutschland... Nun ... ich muß jetzt da hinauf...“

„Ich bringe unterdessen Deine Bestecke in Ordnung und schreib’ für Dich Briefe. Auf Wiedersehen!“

„Barinja! Barinja!“ schrieen aufmunternd am Straßenrand die struppigen, dick wattierten Droschkenkutscher. Sie begriffen nicht, daß eine vornehme Dame zu Fuß ging, straff und flott, mit hochgehobenem blondem Kopf, viel rascher als die schwerfällig stapfenden Russinnen.

„Herrin! Belieben Sie!“

Inge Tillesen lachte zu dem Gebrüll der Kerle und schritt elastisch die kurze Strecke bis zu dem Hof Peters des Großen zurück. Im Vorraum des Hotels lag ein kleiner Berg von Koffern, Kissen, Reisematratzen, Decken. Nicolai von Schjelting stand dahinter, in Pelz und Mütze, die Zigarette zwischen den Lippen, und jagte ungeduldig die silberbetreßten Schweizer, die weißkitteligen Tataren und rothemdigen Hausknechte hin und her. Erst schien es, als hielte er es für unnötig zu grüßen. Dann tat er es plötzlich doch, mit einem zerstreuten Lächeln, und ärgerte sich über ihre kühle Kopfneigung und dachte sich, während sie die Treppe hinaufstieg: Nun — was geht sie mich an?

Draußen hielt schon der Lichátsch, der Luxuskutscher. Im zweiten Gefährt folgte der Kammerdiener mit dem Gepäck. Mit sausenden Rädern ging es durch spritzenden Eisschlamm hinaus zum Smolensker Bahnhof. Das eigene breite Abteil war schon bereitet, der Samowar brodelte in der Gang-Nische, der Wagenwärter verbeugte sich tief. Der Zug rollte hinaus in die bleichen Schneefelder, die weiß überfrorenen Sümpfe, die silberstämmigen, niederen, endlosen Birkenwälder. Da war das Schlachtfeld von Borodino. Man war damals mit dem ganzen Westen fertig geworden — wie jetzt nicht mit dem einen Nachbar? Nicolai Schjelting liebte, als ein Mann von umfassender Bildung, die geschichtlichen Belege seiner Weltanschauung, verdankte ihrer lebhaft vorgetragenen Beweiskraft einen Teil des Einflusses, den er auf Andere, und namentlich auf die politisierenden Petersburger Damen ausübte. Er saß und rauchte, um die nervöse Ungeduld der langsamen Fahrt zu beschwichtigen. Es dämmerte über den weiten Steppen. Der Oberkonduktor klopfte ehrerbietig und überwachte persönlich das Anzünden der Stearinkerzen. Nun war es draußen dunkle Nacht. Aber von Schlaf keine Rede. Schjelting fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er dachte sich grimmig: ‚Die Pest über diesen alten Deutschen! Einem Krupensky hilft er, einem halben Vieh vom Ural, das noch den Zucker abbeißt und den Tee aus der Untertasse schlürft. Mir nicht! Die Tochter verhindert es. Sie hat ihm überhaupt nicht gesagt, daß ich da war!‘