In der langen Weile der schlaflosen Nacht sann er darüber nach, was ihre Augen eigentlich für eine Farbe hatten. Komisch: sonst sah er sie leibhaftig vor sich. Aber das wußte er nicht. Er warf die Zigarette weg und frug sich: Was Teufel hast Du daran zu denken? Das eintönige Rollen der Räder lullte doch ein. Aber bald fuhr er wieder aus unruhigem Halbschlummer auf. Man hielt mitten in der Nacht auf irgend einer Station. Es war ein Laufen auf den hohen Holzplanken des Bahnsteigs. Auf dem Nebengeleise hielt ein endloser Zug, der hier den Schnellzug nach Warschau an sich vorbeiließ. In hundert matterleuchteten Wagen drängten sich Tausende von schlafenden Soldaten in feldbraunen Mänteln. Stumpfe, breitknochige Gesichter. Typen des fernen Ostens. Nicolai Schjelting lächelte befriedigt, während er im Weiterrollen den Militärzug hinter sich ließ. Der fuhr nur des Nachts. Die Bahngebäude lagen überall eine Stunde von den Städten entfernt. Die Deutschen brauchten nicht Alles zu wissen, was im Heiligen Rußland vorging. Hier und überall, wo das Eis brach und der Schnee schmolz, rüsteten sich die Regimenter des Zaren zu den großen ‚Manövern‘ im Westen. Bald war man aus den weitesten Weiten unterwegs, von den Grenzen des Hindukusch und den Steppen der Mongolei, vom Fuß des Elbrus und dem Nördlichen Eismeer, eine Völkerwanderung in Waffen, wie sie die Welt noch nicht gesehen.
Über Nicolai Schjelting kam wieder der asiatische Rausch. Unruhig drehte er sich eine neue Zigarette. Seine Augen flackerten. Er unter Wenigen kannte die unwahrscheinliche Zahl von Millionen, die man aufbot. Wer konnte dem Sturm widerstehen? Der Sturm blies dies morsche Europa in Fetzen, trug die, die ihn entfesselt hatten, auf seinen Schwingen empor zu den Sternen.
Ein neuer Tag. Wieder der Abend. Unendlich war dies Rußland. Die zweite Nacht ohne Schlaf, dank diesem Deutschen und seiner Tochter Inge. Ingeborg. Ein recht deutscher Name. Was sie blos für Augen hatte?... Ein Auffahren: endlich Warschau. Im Mondschein der breite lehmfarbene Schwall der Weichsel. Noch einige Stunden...
Helle, scharfe Rufe, wie auf dem Exerzierplatz, im Morgendämmern, ein kurzes, sicheres Zugreifen der Gepäckträger, straff aufgerichtete Beamte, ein Hauch von Befehlen und Gehorchen in der Luft: die deutsche Grenze. Der Hauptbahnhof von Thorn. Noch jenseits der hochtürmigen alten Stadt auf dem linken Stromufer.
Zwei Säbel klirrten draußen vorbei. Frische lachende preußische Leutnantsstimmen:
„Na — wo kommen denn Sie in aller Gottesfrühe her?“
„Nachtübungen auf dem Artillerieschießplatz. Und Sie?“
„Ronde! Vom Fort Ulrich von Jungingen!“
Ulrich von Jungingen, der Heermeister in der Schlacht bei Tannenberg. Nicolai von Schjelting ging es durch den Kopf: Damals wurden die Deutschen von den Polen bis zur Vernichtung geschlagen.
Er nahm in dem deutschen Abteil Platz und dachte sich im Weiterfahren: Auch die Polen waren Slawen, wie wir. Vielleicht kommt auch für uns einmal die Schlacht von Tannenberg...