II.
Man hätte glauben können, es sei der Zar, der an diesem heißen Frühlingstag, zu Ende April, vom jungen Grün der Avenue Gabriel her, umdonnert vom Jubelsturm eines schwarzen Menschenmeers über den Concordienplatz seinen Einzug in Paris hielt. Aber es war nicht der schattenhafte Selbstherrscher aller Reußen, sondern der zweite Herr der Erde, sein gekrönter Vetter von Großbritannien, ihm zum Verwechseln ähnlich, mit unbedeutenden Zügen über kurzem, blondem Vollbart, leerem Lächeln, wie jener ein Fleisch gewordener Widerspruch zur Macht über die halbe Menschheit.
„Vive l’Angleterre!“
Es rollte wie Donner über die weite Fläche. Von den Jahrtausenden ihres Luxor-Obelisks sahen Ra und Thot, Anubis und Nephtat auf das Schneeflockengewimmel wehender Tücher und weißer Menschengesichter. Die Sonne funkelte im Silberspiel auf den Helmen und Kürassen der Gepanzerten, die in langem Zug der vierspännigen Karosse des Kaisers von Indien vorausritten. Er dankte verlegen freundlich rechts und links den Huldigungen. Madame Poincaré saß neben ihm.
„Vive Poincaré!“
Im nächsten Wagen folgte der Präsident der Republik mit der Königin von England. Sein kantiger Lothringer Kopf strahlte von befriedigter Eitelkeit. Wie er sich da selbstgefällig in seiner Volkstümlichkeit sonnte, verkörperte sich in ihm die Republik der Rechtsanwälte und Kammerredner, das fünfzigjährige Reich der Phrase. Doppelreihen von roten Käppis und Hosen und blauen Schwalbenschwänzen schieden seinen Triumphzug von dem dahinter jubelnden Volk. ‚Die große Stumme‘, die Armee, hielt Wacht.
„Vive la Russie! Vive l’Angleterre!“
Vergessen Krim und Beresina! Wo war jetzt Abukir und Trafalgar, Waterloo und Faschoda! Aus allen Fenstern blähten sich nebeneinander Union Jack und Tricolore, flatterten von den Dächern, grüßten mit tausend Wimpeln über das Häusermeer an der Seine. Ein Fieberrausch von Festfarben, Frühlingshitze, Zukunftshoffnung über Paris. Das aufgeregte Summen und Wirren eines hitzigen, stechlustigen millionenfachen Bienenschwarms. Drüben, auf der Vendôme-Säule, schaute hoch vom blauen Himmel der kleine Erderoberer in Cäsarentracht hernieder auf sein wimmelndes Reich.