„In Lüttich?“

„Ja, was dachten Sie denn?“

„Lüttich ist doch uneinnehmbar.“

„Gewiß!“ sagte der Generalstäbler trocken. Und die um ihn lachten wieder, als er’s übersetzte. Und die Heiterkeit rollte weithin. Und hinter dem davonfahrenden Auto her. Und Schjelting dachte sich, fahl geworden vor Schrecken: Was hat man mir denn in Paris gesagt? In London? Alle Sachverständigen? Auch der Großpapa Rigolet: Hinter der Maas sollte doch das englische Flankenheer aufmarschieren! Nun steht da mitten auf dem Platz ein Deutscher. Hält seine Morgenzigarre in der Hand. Empfängt Einen, als müsse das so sein!

„Der Fall der Festung hat Sie erschüttert?...“ sagte der steinerne Yankee. Schjelting wollte antworten: „Meine Frau ist eine Belgierin!“ und machte doch nur eine stumme Handbewegung. Ghislaine ... das lag so fern. War ohne Bedeutung. Alles. Man wurde mitgerissen. Die Dinge um Einen verloren Farbe und Wert. Feldgrau und blutrot wurde die Welt. Er sagte sich, beinahe mechanisch: „Ah, c’est ma guerre!“ Der Amerikaner neben ihm fuhr plötzlich auf und wies nach vorn. Ein Zucken ging über seine Züge. Da vorn kam erst endlos aus dem flimmernden Staubschleier auftauchend die eigentliche Völkerwanderung in Waffen. Ein Heerwurm von Pickelhauben wälzte sich ihnen in den Krümmungen des steilen Flußbetts entgegen. Soweit man blickte, solange man fuhr, er nahm kein Ende. Staubwolken standen über dem Brausen seines Gesangs. Staubwolken zogen sich seitlings über das Land. Staubwolken brauten noch am fernen Horizont. Ohne Anfang und Ende rollte dazwischen und hinterher das Fuhrwerk. Die Doppelgestelle der Munitionskolonnen, die Leinwandplane der Proviantwagen, die Feldschmieden und die Feldbäckereien, die schweren Parke auf dem Marsch. Schjelting sah das Stund’ um Stunde und fragte sich: Wo bleibt die Verwirrung? Es muß doch ein Chaos von Rädern, Pferdebeinen, Menschen geben. Aber nein: dies deutsche Uhrwerk läuft und schlägt... Von der ersten Stunde ab pünktlich auf die Minute...

Und nun begriff er und sagte sich: Was man gestern auf der Fahrt durch Deutschland sah, vom Klappern des Schreibmaschinenfräuleins im Bezirkskommando bis zur bärtigen Wache an irgend einer einsamen Brücke — das da hinten war die Wolke. Hier zuckt der Blitz!

Und schlug ein. Ihn beschlich jenes seltsame erste Gefühl der Sinnlosigkeit beim Anblick der langsam auftauchenden Kriegszerstörung. Jenes weiße Schloß, mit seinen weißen Brücken im Wasserpark — warum lagen da innen in den Zimmern so unordentlich verkohlte Balken auf den seidenen Möbeln? Eine alte Dame, ein Ölbild im Rahmen, lächelte liebenswürdig durch das zerschossene Fenster. Warum baute man eigentlich den Vordergiebel eines Hauses mit Gardinen und Blumentöpfen und dahinter weiter nichts als schwarzes Steingerümpel? Warum dies Bauernhaus da hinten nur zur Hälfte? Warum errichtete man eine Gruppe Schornsteine auf freiem Feld und grade auf so einer häßlichen, versengten Stelle? Hatte es einen Zweck, eine verbogene eiserne Veranda verkehrt an eine freistehende Brandmauer zu hängen, ein Dreieck von einem verbogenen Blitzableiter davor, und dann darunter zu schreiben: ‚Hotel des familles‘? Was sollte der halbe Hühnerhund auf der Straße? Die vordere Hälfte. Wo war die andere? Wer hatte jetzt die Zeit gefunden, aus dem mannshohen Pappelstumpf eine schöne Fächerpalme von weißem Splitterholz zu schnitzen? Jagte denn Niemand das sonderbar dicke Pferd aus dem Rosenbeet, in dem es so behaglich und still in der Sonne lag. Ein Hinterbein vergnügt nach oben? Der Kies zur Seite dunkelbraun. Da und dort breite, rostrote, fliegenumsummte Flecken...

Nicolai Schjelting schluckte heftig: Was hat sich dieser bärtige Kerl dort drüben mitten in der Prallsonne auf freiem Feld schlafen gelegt, um sieben Uhr Morgens — liegt verkrümmt, mit geballter Faust, rührt sich nicht?... Päh — wieder dieser bittre Rauchgeruch in der Nase... Geruch von etwas Angebranntem? Wer brät denn da die Ochsen ganz, wie bei der Kaiserkrönung des Mittelalters, und noch dazu im eigenen Stall und mit dem eigenen Stroh des Dachs? Rasch eine Papyros an die Lippen... Was war das im Vorbeiwehen für ein furchtbarer Verwesungsdunst am Weg aus verschütteten Kellerluken? Was bedeutete dies Kanapee mitten im Kartoffelacker?... Die drei leeren Stühle am Kreuzweg?... Waschbecken und blutbeflecktes Handtuch auf einem?... Weshalb räumte man das nicht auf? Die Deutschen waren doch sonst so ordentlich...

‚Vorsicht! Marie ist krank!‘ Warum hebt der Unteroffizier vor der Kreideinschrift an der Wegbiegung warnend die Hand zum Chauffeur? Warum reißt der den Wagen zur Seite? Da ist die kranke Marie. Eine abgestürzte Lokomotive mit zerschelltem eisernen Eingeweide. Warum räkeln sich denn überall diese Lokomotiven neben der Bahn, statt daß sie auf ihr stehen, und strecken wie die Maikäfer auf dem Rücken ihre drei Räderpaare in die Luft? Welcher kirchturmlange Riese hat denn alle tausend Schritt so dumm gespaßt und Reihen von Eisenbahnwagen von den Schienen in die Tiefe gefegt und zu einem Brei von Stahl und Holz zertreten, auf dem noch steht: ‚Défense de fumer‘? Warum hat das unsichtbare Ungetüm, weil es grade dabei war, im Weiterbummeln die Telegrafenstangen bündelweise wie Streichhölzer geknickt und die stählernen Brücken in der Mitte mit einem Handgriff auseinandergebogen, daß die Schnörkel zierlich in die Luft starren? Warum hat es im Wasser unten die vielen Autos ertränkt? Die Kette von Lowrys drüben am andern Ufer mit einem herausgerissenen Eichbaum erschlagen und liegen lassen?

Wer hat das Zweirad an den Baum gelehnt und ist weggegangen, Gott weiß wohin? Was sind das für viele, kleine frische weiße Holzkreuze mit Pickelhauben und verwelktem Laubkranz mitten in zertretener Saat? Warum haben sich diese deutschen Eisenbahnbeamten in dem entgleisten Schlafwagen vor dem Tunnel eingerichtet wie die Biber im Bau, kochen da, schlafen auf Stroh, telefonieren in die dunkle Nacht der Wölbung hinein, aus der Pioniere kommen, der kalte Luftzug Stimmen und Hammerschläge mit sich trägt? In seinem Hauch tanzen dicht davor am aufgehängten Faßreif die drei lebensgroßen, ausgestopften Puppen: Albert von Antwerpen, der Zar, Poincaré! Der dicke Landwehrmann schreibt bedächtig, wie daheim als Gastwirt seine Speisekarte, unter die drei wirbelnden Schächer: ‚Mit unserer Macht ist nichts getan! Wir sind gar bald verloren!‘...