Wer ist nur der unsichtbare Riese, der hier Alles so durcheinanderwirrt? Der dem Kirchturm da vorsichtig seine Stützmauern wegzieht, daß die Uhr oben wie ein Vogel beinahe in freier Luft schlägt? Warum liegt die ganze Dorfstraße vor dem Schulhaus voll von Uniformstücken, lehmigen Stiefeln, weißen und dunkelroten Lappen? Die Genfer Kreuz-Fahne über dem Eingang. Eine bleiche Krankenschwester tritt auf einen Augenblick heraus, schöpft hastig frische Luft, geht wieder hinein. Schjelting und sein Begleiter folgten ihr mit den Augen, fuhren zusammen, wurden stumm und gelb, wünschten, daß das Auto Flügel hätte, um dem Anblick zu entfliehen...

Und Nicolai Schjelting dachte sich: Das ist der Krieg. Nein. Sein erstes Aufdämmern nur. Sein schwacher Anfang. Der Krieg, an dem ich in meinem „Essai contre le Teutonisme“ den Geist in tausend Fazetten schliff, den unsere politischen Petersburgerinnen auf den lächelnden Lippen führten, wenn sie nicht grade verzuckerte Kronsbeeren dazwischen schoben. Der Krieg, den dicke Männer in Frack und blau-weiß-roter Schärpe beim Ehrenpunsch der Patrioten-Liga in Paris mit einer großen Geste begrüßten. Der Krieg, über den die belgische goldene Jugend in den Kaffeehäusern Witze riß, weil sie nichts von ihm wußte. Der Krieg, der in der City nur die eine Seite des großen Hauptbuchs der Gewinn- und Verlustrechnung war. Nicolai Schjelting fuhr empor, in einem Zorn, in einer Angst, in einer Handbewegung der Abwehr: Nicht um Euch geht es mehr! Nicht um Jobber und Mondänen, um Stutzer und Festschwätzer dreht sich mehr die Welt. Sie wurde anders über Nacht. Wurde finster. Wurde furchtbar. Die Wirklichkeit ist da. Unsere Gedanken wurden zur Tat. Wir ließen den unbekannten Riesen von der Kette...

Um ihn herum donnerte, lachte, lärmte, befahl, pfiff, sang, wirtschaftete mit tausend Zungen, Kehlen, Händen, Beinen, qualmenden Lokomotivschloten, fauchenden Motoren, rollenden Rädern, wiehernden Pferden, brüllenden Ochsen, schrillen Signaltrillern, schmetternden Trompetenfanfaren, lief, sprang, drängte sich in grauem Gewimmel der unsichtbare Riese. Nicolai Schjelting stand vor dem Bahnhof in Herbesthal. Er sah den stürmenden, mit rastlosem Schlagen hämmernden Pulsschlag der Etappe hinter der Front. Er sah, wie die endlosen bekränzten Züge einliefen, wie auf den Hornstoß: ‚Geht langsam vor!‘ feldgraue Sturzbäche aus den Abteilen sich ergossen, Bahnsteige und Schienen weit überschwemmten. Er sah, wie ein Güterwagen sich in endloser Reihe an den andern schob. Vorsichtig — ohne Stoß. In jedem schlief tausendfach, in Granaten- und Schrapnell-Wölbung gebannt, der Feindestod. Er sah das langsame, feierliche Zurückrollen langer Reihen weißer Wagen mit dem roten Kreuz. Sah um sich immer wieder diese furchtbaren, lachenden, jungen Mienen, die wild blitzenden Augen, hörte wieder den ehernen, tausendstimmigen Vollklang: ‚Deutschland, Deutschland über Alles!‘ Drüben winkten die Verwundeten, Einzelne richteten sich auf und sangen mit. Ein ungeheurer Höhenrausch hob all die Menschen umher empor über Tod und Leben und Ich und Vergangenheit. Und Nicolai Schjelting stand vor einem fliegersicher eingedeckten Benzintank und las mechanisch das Verbot, die oberste, noch gefährliche Wassertröpfchen enthaltende Benzinschicht an die Luftfahrer statt an die Kraftfahrer abzugeben, und dachte sich dumpf: die Deutschen denken an das Kleinste! Aber was ist klein und was ist groß?

„Ihre Papiere sind in Ordnung!“ sagte neben ihm eine Stimme. „Nun fahren Sie unverzüglich wieder über Moresnet nach Holland!“

Es waren nur wenige Kilometer. Dann war man zum zweitenmal über der Grenze. Dahinten lag Deutschland. Nicolai von Schjelting blickte bleich, mit eingesunkenen Augen, zurück. Und nun sah er da plötzlich den unsichtbaren Riesen. Seine Füße ruhten auf dem Horizont, sein Haupt ragte in den Himmel, seine Stimme war wie der ferne Donner der Geschütze und seine Augen wie deren Blitz: „Ihr habt mich gewollt! Ihr habt mich gerufen! Da bin ich. Die Menschen kennen mich. Ich bin zweitausend Jahre alt. Wenn ich erwache, bebt die Erde und bersten die Reiche. Ich bin der furor Teutonicus.“

XIII.

Eine Ohrfeige klatschte. Eine zweite. Der kleine, dicke russische General von ausgesprochenem Mongolentypus kniff schmerzlich die Schlitzaugen zusammen. Seine Hamsterwangen brannten unter dem krausen, aschblonden Backenbart.