Man kannte seine hohen Gönner. Er war der kommende Mann, wenn er auch jetzt sehr leidend schien. Man sah ihn schon, nach dem nahen Triumph, aus dem Salonwagen auf die hölzerne Plattform des Bahnhofes von Gatschina steigen, ehrerbietig auf dem Weg zum Zaren von allen Beamten und Gensdarmen begrüßt, man sah ihn im Auto, von Sebastopol her, in sausender Fahrt die Windungen hinter Baidar Thor hinab zum blauen Glyciniengerank des Kaiserschlosses Livadia am Krim’schen Meer. Man verabschiedete sich achtungsvoll von ihm und schüttelte erst hinterher den Kopf, als er in die Stadt hineinging. Wieder zu Fuß. Da hörte man dies unaufhörliche ferne Brüllen der Sommergewitter besser. Sie schienen sich immer weiter nach Süden zu ziehen. Hier störte das Niemanden. Die russischen Soldaten von dem baltischen dritten Armeecorps in Wilna, von denen viele Letten Deutsch konnten, standen in den Läden und feilschten so hartnäckig, wie sie es bei ihrem Generalissimus Nicolai selbst gesehen, um Tabak und Ansichtskarten. Nach der Bahnhofstraße zog eine Schwadron der Grodnoer Husaren auf ihren weißen Pferden. Schjelting rief einen der Schimmelreiter an:
„Seid Ihr auf dem Marsch zum Regiment?“
„Dies ist das Regiment!“
„Und die Anderen?“
„Alle tot!“
„Und Ihr?“
„Man ruft uns nach Petrograd zurück!“
Nicolai von Schjelting ging weiter. Er dachte sich: dieser Bauer zu Pferd hat etwas Gottergebenes. Sein... Nichtsein... Sieg... Niederlage.... Wie Gott will... Alles gleich... Was ist das Leben? Es ward befohlen, zu kämpfen, zu bluten, zu sterben!... Gewiß ... dafür bist Du ein Muschik. Ein Stück geduldige, russische Erde... Aber vor seinen Augen stand ein wildtosendes, grimmsprühendes feldgraues Gewimmel statt dieser feldbraunen Ergebung in das Schicksal, in seinen Ohren hallte ein eherner Trutzgesang von Zehntausenden statt dieses slawischen Schweigens, in dem die endlose Winterstille verschneiter Dörfer in weltfernen Steppen wohnte. Er fröstelte, als sei es Winter, trotz der Septemberhitze und der Glut der schwälenden Brandstätte gegenüber. Gensdarmen wachten und verhinderten das Löschen. Die Brasche’sche Fabrik war auf Befehl des Gouvernements angezündet worden. Weiter zum Bahnhof hin, an der langen Seitenmauer, klebte ein Aufruf des Generalissimus an die Polen. Nicolai Schjelting stellte sich davor und übersetzte es sich aus dem Polnischen: „...Mit offenem Herzen, mit brüderlich ausgestreckter Hand kommt Großrußland Euch entgegen. Der Morgenstern eines neuen Lebens geht für Euch auf...“
„So? Das ist mir ein feiner Vogel ... lacht vor den allerhöchsten Erlassen...“
Eine Hand zupfte ihn scherzhaft am Ohr. Der Staatsrat und Hofmeister Morskoi stand neben ihm. Der wohlbeleibte Herr trug die kleine Uniform eines hohen Zivil-Tschinowniks. Er wischte sich den Schweiß aus dem roten, vom schwarzgefärbten Kinnbart umrahmten Gesicht.