„Kinder, laßt Euch nicht durch diese Weißhändigen verwirren!“ schrie im Hause der Major. „Wo stehen wir? Dicht vor Berlin!“
„Urraha! Vor Berlin, Euer Hochwohlgeboren!“
Es grollte dumpf in der Ferne. Dazwischen in Abständen ein schweres, dröhnendes Aufpoltern. Fast nur ein einziger Schlag.
„Die Deutschen schießen schon mit Batterielagen,...“ sagte ein staubbedeckter Dragoner-Unteroffizier vor der Laube zu einem Burschen. „Wo ist Dein General?“
„Eben kommt er, Herr Wachtmeester!“
Der General Schiraj fuhr im Landauer des geflüchteten Gutsherrn heran. Die Gäule keuchten. Das Handpferd blutete von einem Granatsplitter. Das Wappen am Kutschenschlag war von einem Sprengstück geborsten. Der General stieg aus, finster wie seine Begleiter, drückte stumm den beiden Gästen die Hand, fertigte den Dragoner ab, schritt dann unruhig auf und nieder, schaute nach allen Seiten, witterte förmlich in der Abendluft, die voll war von fernen, unbestimmten, murmelnden, schütternden, sausenden, heulenden, hämmernden Tönen, wandte sich nach dem Herrenhaus. Dort war ein zorniger Wortwechsel. Er jagte den Major mit seinen Leuten nach hinten in die Scheunen, setzte sich an das Feldtelefon, sprach immer wieder hinein, mit ernstem Gesicht, kam plötzlich wieder angeritten, vollbärtig und stattlich, den Feldstecher in der Hand.
„Ich muß noch einmal nach vorn... Es ist soeben... Wie?... Ihr wollt fort? Bleibt lieber hier! Da sind ja Fremdenzimmer genug im ersten Stock... Wie es steht? Gut ... gut... Aber es finden Truppenverschiebungen in der Nacht statt ... man gruppiert um... Ihr kämt da in der Dunkelheit mitten hinein... Auf Wiedersehen!“
Schjelting konnte nicht schlafen. Er lag mit offenen Augen in der Giebelstube des Herrenhauses. Sonderbar... Er war mit seinen Gedanken immer in Deutschland ... in einem Brausen von Massen, einem feldgrauen Gewimmel, einem Stürmen der Glocken, einem ehernen Gesang... Er sagte sich: Ich bin ja in Deutschland. Als Eroberer. In einem deutschen Bett. Alles hier fängt gut an... Freue Dich...
Dabei stand er voll Unruhe, mit überwachten Augen auf, kleidete sich an — mochte Einer schlummern bei diesem ewigen Scheibenklirren und Bodenzittern von dem schon viel näher gekommenen Erdbeben draußen in der Runde — trat in das Freie, machte jäh Halt...
Die Nacht war dunkel und doch hell. Wohin er sah, brannte Ostpreußen. Rechts, links, nah, fern, überall flackerte es wie von Scheiterhaufen im Schwarz, rötete den Himmel fleckenweise mit einem unheimlichen Widerschein. Die Feuersbrünste all dieser Dörfer und Domänen, dieser Mühlen und Weiler, dieser Schlösser und Höfe schienen zu leben, in Flammen zu atmen, zu schwinden, in neuen Funkengarben aufzusprühen. Darüber zogen sich am Horizont sonderbare feurige Bogen wie von zu niedrig gehenden Raketen...