„Nun gut ... die Männer!... Aber ich sah unterwegs die Gefangenenlager mit Tausenden von deutschen Frauen und kranken Kindern!... Was haben sie verbrochen? Seit der Steinzeit steht die Frau außerhalb des Krieges...“
„... weil man Euch ausrotten wird...,“ sagte der Hauptmann plötzlich leise und ruhig. Nur in seinen pechschwarzen Augen funkelte die kalte Wut. „Ich bin ein Corse. Ein Landsmann Bonapartes. Jetzt ist die Zeit, sich seiner zu erinnern. Jahrzehntelang haben wir Euch ertragen. Eure Liebenswürdigkeiten waren uns noch verhaßter als Eure Drohungen. Nun jauchzen wir, indem wir Euch den Todesstoß versetzen. Panard, man führe diesen Herrn ab! Zu den drei Anderen, die morgen nachträglich auf das Schiff gebracht werden!“
Die Fenster einer kahlen Zelle im Fort St. Nicolas am Eingang des Hafens von Marseille gingen auf das Meer hinaus. Durch die Eisengitter sah man fernhin seinen strahlend blauen Glanz, mehr nach rechts das Mastengewirr und Schlotqualmen der Häfen, und weiter über Hügel und Täler die Dächermassen der großen Mittelmeerstadt. An den Luken lehnten drei deutsche Zivilgefangene. Sie hörten in dem Lärm von draußen den Eintritt des neuen Ankömmlings nicht und drehten ihm den Rücken zu. Der Eine, ein älterer Mann, sagte müde im österreichischen Tonfall:
„Aber ich bitte: Nehmen diese Wilden denn kein Ende?“
Und der neben ihm, der den Arm in der Schlinge trug und sich auf einen Stock stützte, mit Zwicker und Studentenschmissen auf seinem Gesicht:
„Das ist seit heute früh der vierte Dampfer allein mit dem roten Kroppzeug!“
Das Deck des schmalen, langen, von Algier kommenden Passagierdampfers „General Chanzy“ schien auf den ersten Blick vollbesetzt mit vielen Hunderten von mittelalterlichen Henkern. So unheimlich wirkten die Gestalten der Wüsten-Spahis in ihren bis zu den Füßen reichenden blutroten Mänteln. Erst in der Nähe unterschied man die wilden, kaffeebraunen Gesichter im Schatten der Scharlach-Turbane. Der Dritte der Deutschen, ein verwegener junger Geselle, bartlos und sonnverbrannt, in verschossenem Matrosenwams, lachte:
„Jongs, Jongs — wenn Ihr wüßtet, wat die Klock’ geslagen hat!“
„Und da dieselbe Couleur in Blau!“ sagte neben ihm der Arzt mit dem Zwicker und wies auf die im Kielwasser des „General Chanzy“ steuernde „Ville d’Oran“. Bei diesem Dampfer schien es, als hätte er aus dem Azurblau des Mittelmeers einen Haufen auf Deck geschöpft. So dicht war das Gewimmel der langen blauen Mäntel der Oasen-Spahis, die mit ihren Tausenden von Schimmeln auf der Überfahrt nach Europa waren. Das Schiff glitt langsam dahin. Dicht vor ihm lag, gegenüber dem Joliette-Leuchtturm stoppend, schon von dem geschäftigen Gewimmel der kleinen Schlepper umgeben, ein mächtiger Ostindienfahrer. Hunderte von roten Kopftüchern, weißen Hemden, farbigen Flecken leuchteten auf. Zimmtbraune Männer mit seidenschwarzen Vollbärten kletterten wie die Katzen auf und nieder oder schauten gleichgiltig hinüber auf die Schiffsbecken von Marseille. Das war eine Hafenstadt der Engländer mehr, so gut wie Bombay oder Calcutta, von wo sie kamen. Den Engländern gehörte See und Welt.