„Diese kleine brünette deutsche Schönheit, die da vorhin in den Omnibus stieg...“

„Eine Deutsche und schön...“ Der Abgeordnete lächelte. Ein Lächeln vom Capitol herab. Ein Lächeln des Größenwahns. Dann fuhr er zusammen. So grimmig herrschte ihn plötzlich Schjelting an.

„Waren Sie je in Deutschland?“

Eine hoffnungslose Schulterbewegung als Antwort. Es hieß etwa: Frage mich doch lieber gleich, ob ich schon in Eurem Sibirien war! Ich, ein Sprosse latinischer Kultur im Schnee bei Bier und Sauerkraut in Bettlerhütten...

„... sonst würden Sie wissen, Signore, daß Gottes Wille selbst den Deutschen schöne Frauen gab ... groß ... blond und schlank ... wie die Königinnen...“

Eine Sekunde stieg Inge Tillesens Bild vor ihm auf. Er preßte unter dem Tisch die Faust wie in einem körperlichen Schmerz, einem Krampf von Wut und Grimm. Seine nervösen, länglichen Züge glätteten sich gleich wieder zu einer beinahe höhnischen und brutalen slawischen Gelassenheit. Er blies den Rauch der Papyros, die er zwischen den einzelnen Gängen des Diners rauchte, durch die geblähten Nasenflügel.

„Ich verstehe deutsch!“ sagte er. „Diese deutsche Dame vorhin, die ich nicht kenne, nannte Euch offen Verräter!“

Es machte gar keine Wirkung. Die Italiener lachten nur gutmütig. Er merkte: sie glaubten ihm kein Wort von der Geschichte. So wenig wie sie sich untereinander etwas glaubten. Ein tiefes, unbesiegbares Mißtrauen wohnte bei ihnen ganz hinten in jedem Blick, klang im Unterton jedes Wortes. Dann meinte der Onorevole di Barocelli, zärtlich in der Schüssel voll gebratener deutscher Singvögel auf Risotto wählend:

„Unser Gewissen ist so rein wie nach dem Stabstreich des Beichtvaters in St. Peter. Kann man dem Blinden die Madonna zeigen? Seit zwanzig Jahren bekämpfen wir Deutschland und Österreich bei jeder Gelegenheit. Wenn sie es nicht sehen wollen, so trifft sie allein die Schuld!“

Ein Kellner rief ihn an den Fernsprecher. Turin. In dringendster Angelegenheit. Kaum war er weg, so raunte der Cavaliere, an seinem Nachtigallenflügel nagend: