„Kommen Sie mit? Wir fahren gleich wieder an die Front!“
Und seltsam: im selben Augenblick hatte Schjelting weniger eine Anwandlung von Kanonenfieber als einen Anhauch von Grauen ... von Entsetzen... Nur nicht wieder den Krieg sehen ... nicht wieder dies unvernünftige Gewirtschafte des tollgewordenen, trampelnden Riesen mit Menschen und Wäldern, Städten und Kirchen, dieser Brei von Eisenbahnen und Brücken, dies Versteckspiel in donnernder und grollender Leere, dies Geheul unsichtbarer Geister in der Luft, dieses Aufwirbeln knallender schwarzer Dreckfontänen in verräterisch friedlicher, niederträchtig im Sonnenschein lächelnder Sonntagvormittaglandschaft. Er sagte sich: Es ist doch Dein Krieg! Wie hast Du ihn ersehnt. Dein Lebenlang an ihm gearbeitet. Nun ist er da. Über Erwarten erfüllt sich Dein Wunsch: Man schlägt sich am Ganges und am Sinai, in der Kalahariwüste und am chinesischen Strand, im indischen Ozean und im afrikanischen Urwald. Man schlägt sich in ganz Europa. Tausend Millionen Menschen sind miteinander im Krieg, mehr als die Hälfte dessen, was auf Erden atmet. Das Blut fließt in Meeren. Und das ist nur der Anfang...
Nicolai Schjelting schluckte unwillkürlich ein paarmal.
„Ich bin untröstlich...“
„Ah bah... Sie werden es nicht bereuen. Ich zeige Ihnen auch durch das Scheren-Fernrohr die Preußen!“
„Wie gerne folgte ich! Aber ich muß heute noch nach Bordeaux!“
„Das ist etwas Anderes! Viel Glück! Adieu!“
Paris... Du totes Paris... Nein. Es war nicht tot. Es war nur wo anders. Ausgewandert. Nicolai Schjelting fand es wieder, als er, nach endloser Fahrt vom Bahnhof die Garonne entlang die krummen, altertümlichen Straßen des inneren Bordeaux erreichte. Das war nicht mehr das verstaubte und verknöcherte Schattenleben französischer Provinzstädte. Zwischen dem Komödienplatz und den Alleen von Tourny waren auf einmal die Boulevards mit ihren skeptischen, trockenen Pariser Gesichtern unter Zylinderhüten, auf dem Richelieu- und Börsenplatz standen jene pfiffigen, rundlichen, die Renten Frankreichs in ihren weiten Taschen verwaltenden Gestalten, die man sonst an der Seine zwischen dem Boulevard Sebastopol und der Rue du Louvre sah, vor den altersgrauen, in engen Straßen gelegenen Palästen, in denen sich die hohen Würdenträger der Republik bleich und abgespannt vor der Außenwelt abschlossen, hielten wie in der Lichtstadt selbst die Reihen von Autos, liefen geschäftige Politiker aus und ein, verhandelten Deputierte achselzuckend und händefuchtelnd in der Vorhalle, umdrängten Journalisten am Eingang die herauskommenden Diplomaten. Selbst die weite, einsame Sandwüste der Quinconces war belebt. Paris überall. Der Komet hatte seinen Schweif nach sich gezogen. Die Kleinen waren nahrungsuchend den Großen in die Verbannung gefolgt. Der fette Kellner von Henry an der Madeleine lächelte einem an der Ecke entgegen, die Galgengesichter der Camelots schrieen hier den „Mann in Ketten“ aus wie sonst die zweite Ausgabe des „Soir“, die Spieler der nächtlichen Privatcirkel, die Schlepper, die sonst vor dem „Grand Hotel“ auf die Fremden warteten, die Glücksritter, die Buchmacher, Alles war da. Die kleinen Frauen zu Tausenden. Es amüsierte sie auch jetzt noch, die ehrsame Bürgerschaft von Bordeaux durch ihre Hüte und Toiletten zu verblüffen. Die großen Mimen promenierten majestätisch zur „grünen Stunde“, wenn die Cinémas aufzuleuchten begannen, die Bohémiens zeigten die übernächtigen Züge ihrer bis zum Morgengrauen geöffneten Cabarets — selbst die Uniform schien hier nur ein blau-rotes Wappenschild des allgemeinen Leben und Lebenlassens. Nicolai Schjelting hörte, auf seiner Rundfahrt bei den Ministerien und Missionen, wie im Nebensaal ein Abgeordneter erschöpft sagte:
„Sie sind heute allein der Vierzehnte, dessen Sohn ich vor der Einstellung in die Front bewahren soll! Mein Gott: Man kann doch nicht alle jungen Leute als Schreiber in den Bureaux verwenden!“
Und der Dicke vor ihm, halblaut und bestimmt: