„Ich möchte nicht klüger sein als die Lords, Sir!“

Der Geschäftsmann nahm sich ein Notizbuch vor. Es schien keine Handelseintragungen zu enthalten, sondern die Monats-Abrechnung seiner Rennwetten mit einem Buchmacher, die er stirnrunzelnd prüfte. Zwei athletische junge Männer stiegen ein. Offenbar aus einem der nahen Schlösser. Sie lachten. Sie hatten miteinander gewettet, ob Nevermore II väterlicherseite eine Enkelin von ‚Black Prince‘ oder des Derbysiegers ‚Primrose‘ sei. Sie reisten jetzt nach London, um das festzustellen, und sprachen davon die ganze, zwei Stunden lange Fahrt.

Auf der Waterloo-Station in London änderte sich jäh das Bild. Es erinnerte plötzlich an das fiebernde Festland. Schjelting atmete aus. Da waren endlich wieder die tausendköpfigen Menschenmassen auf dem Bahnhof, das wilde Stimmengeschwirr und Geschrei der Extrablatt-Verkäufer unter der rußigen Glaswölbung, da tauchten endlich Khaki-Uniformen auf — eine Gruppe Offiziere, ärgerlich und aufgeregt im Wortwechsel mit dem Betriebsleiter:

„Sie müssen uns Durchgang zu unserm Zug verschaffen!“

„Unmöglich...“

„Er fährt sonst ohne uns ab! Wir müssen hinüber nach Frankreich! Wir müssen an die Front!“

„Wie soll ich es machen? Ich bin dafür verantwortlich, fünfzigtausend Menschen innerhalb einer Stunde hinaus zu dem Fußball-Match zu befördern! Urteilen Sie selbst, ob ich mich da noch um Einzelne kümmern kann!“

Nicolai von Schjelting hatte genug gehört. Er fuhr über die Themse in den Westen. Es war da und in der City das alte London. Geschäftsgewimmel bis zum Temple, Vergnügungsbummel am Strand, vornehme Ruhe vom Trafalgar-Platz bis zum Hyde-Park. Jeder ging seiner Arbeit, seinem Nichtstun, seinem Sport nach wie sonst. Nur zuweilen erinnerten große bunte Werbetafeln und Aufrufe an den Krieg. Irgend einen Krieg da draußen. England führte ja immer an einer Ecke der Welt Krieg — den Krieg, den es seit achthundert Jahren im eigenen Lande nicht mehr gesehen.

Aber Lord Kitcheners brutaler Landsknechtkopf konnte lange lebensgroß von den Straßenecken herniederblicken und sein Zeigefinger auf den Beschauer weisen: „Kitchener braucht Sie!“ Niemand ließ sich dadurch in seiner Ruhe stören... Schjelting merkte das wieder Nachmittags in dem Klub in Piccadilly, dessen Mitglied er war. Ein alter, ausgedienter Oberst der indischen Armee schnitt da barsch jede Erörterung ab.

„England gewinnt! Fertig!“