„Ist sie englisch oder schottisch, Mutter?“
„Sie ist nicht britisch, sondern deutsch!“
„Es ist doch Alles britisch, Mutter! Ist es nicht?“
„Da irrt Ihr Euch gründlich, Ihr Bengels!“ sagte Hannah Higgins schon mit einem Anflug ihrer alten Tatkraft. „Das werdet Ihr schon merken! Ihr heißt von jetzt ab überhaupt nicht mehr Bob und Bill, sondern Max und Moritz. Verstanden?“
„Oh — wird das Vater recht sein?“
„... wenn es nur mir recht ist... Ihr werdet deutsche Jungen! Verstanden?... Und nun macht Euch zurecht. Wir sind gleich in Wiesbaden!“
In der Halle des Hauses Tillesen in der Sonneberger Straße standen gepackte Koffer und Kisten mit wissenschaftlichen Instrumenten. Das Mädchen meldete, Exzellenz reise als beratender Hygieniker morgen zum Heer. Ein bärtiger Landwehrmann kam hinter ihr lachend auf Hannah Higgins zu. Es war die letzte Abbröckelung englischer Gewohnheit an ihr, daß sie unwillkürlich bei der Annäherung eines gemeinen Soldaten erschrak, bis sie in ihm ihren Schwager, den Reichstagsabgeordneten und Kriegsfreiwilligen Hugo Martius erkannte.
„Alt werde ich hier beim Ersatztruppenteil nicht!“ sagte er. „Man ist ja eigentlich gar nicht mehr Mensch, eh’ man nicht im Schützengraben war!... Dein Vater ist im Laboratorium!“
In einem sonst zu Versuchszwecken dienenden Ofen brannte ein Feuer. Geheimrat Tillesen saß davor und legte, ehe er morgen sein Haus verließ, langsam die Dokumente in die Flammen, die ihm seine Töchter Inge und Phila reichten. Es waren die Ehrenmitgliedsdiplome all der wissenschaftlichen Vereinigungen der Welt, die jetzt die Deutschen aus ihren Reihen ausgestoßen hatten. Sein stilles, graubärtiges Gelehrtenantlitz, über das der Flackerschein spielte, war sachlich und ruhig wie immer, während er von der Grundlage seines Lebens und Forschens, der Gleichheit aller Menschen vor der Wissenschaft, Abschied nahm. Nur einmal sagte er durch die Stille dieser Räume, in denen sonst die Vertreter aller Völker als Jünger und Gäste geweilt hatten, alle Sprachen des Erdballs erklungen waren: „...Röntgen, Ehrlich und Behring von der Pariser Akademie ausgeschlossen...“ und lächelte. Es war ein deutsches Lächeln.