Er war in der Uniform eines hohen Zivil-Tschinowniks mit übergehängtem Mantel. Sein Begleiter, der Panslawist Korsakoff, trug die Genfer Binde auf dem Ärmel seines Waschbär-Pelzes. Eine Ottermütze bis über die Ohren. Filzstiefel bis über die Kniee. Man sah von dem hageren, blonden Mann wenig mehr als die fanatisch starren, hellblauen Augen unter der angelaufenen Brille.
„Der General Schiraj? Weiter vorn!... In der ersten Schützengrabenstellung!...“
Ein kalmückisch ausschauender Hauptmann murmelte es. Er saß auf einem Empire-Sofa, das schon halb eingesunken war, und hatte die Füße auf den Seidendamast hinaufgezogen, um sie vor dem Urbrei von Wasser, Schlamm, Kohlstrunken, Hühnerfedern, Knochen und menschlichen Auswurfstoffen am Boden zu schützen.
„Ah — voilà un courant d’air!“ Der Hofmeister Morskoi atmete draußen zwischen den engen Wänden des nach vorn führenden Sappengangs auf, und wehte sich mit der Hand Luft in das rote, von schwarzen Bartkoteletten umrahmte Gesicht. „Daß sie nicht krank werden, in diesen verpesteten Höhlen...“
„Sie sind’s gewohnt, die Seelchen!... Diese Falken. Sie haben es im Winter in ihren Dörfern auch nicht anders!“
Der Professor Korsakoff hatte, während er das sagte, keinen weiteren Ausblick als dicht vor sich die steten Winkel des Wegs und über sich, zwischen den verschneiten Grabenkämmen, einen Streifen flockenwimmelnden Himmels. Der Feldwebel, der den beiden Moskauer Politikern als Führer diente, drehte sich mit breitem Lachen um:
„Belieben Sie, Herren!... Dies ist doch kein Winter... Für uns Sibirier!...“
Auf dem Auftritt des Schützengrabens, in den sie eintraten, hielten die langen, sehnigen Kerle dieses sibirischen Corps Wacht. Ihre Pelzmützen — daheim in den Urwäldern erbeutet oder Liebesgaben aus den Muffen der vornehmen Petersburger Damenwelt, — waren so hoch, daß sie bei einer unvorsichtigen Bewegung des Trägers bis über die Brüstung ragten. Aber es hatte keine Not. Es war überflüssig, daß man die eingebauten Maschinengewehre durch Decken gegen Sicht schützte. Der Schnee besorgte das selbst. Er fiel immer noch in dichten Strähnen. Man konnte kaum hundert Schritte weit sehen. Kein Schuß fiel in diesem zähen Grau und Weiß der Luft. Der Krieg schlief. Weithin längs der endlosen Front hörte man nichts als ab und zu das Gekrächze der Krähen. Der General Schiraj war, wie er selbst von sich sagte, keiner von diesen Petersburger Herrchen. Er war ein Feldsoldat. Er hatte im Frieden im Kaukasus und in Transkaspien gestanden. Er paßte auch jetzt zu seiner Brigade von Sibiriaken. Die beiden Besucher trafen ihn am Fernsprecher in einem vorn in den äußersten Schützengraben hineingebauten Bretter-Unterstand. Er redete selbst mit seinem ruhigen, tief durch seinen verschneiten Vollbart grollenden Baß nach hinten, mit der Division seines Abschnitts. Neben ihm stand sein Adjutant. Auf einem Bänkchen hockte ein blasser, jüdisch-russischer Einjähriger, mit um die Ohren festgeschnallten Hörrohren, die ihn mit der Beobachtungsstelle verbanden. Ein Unteroffizier saß neben ihm, bereit, durch das zweite Telefon Anfragen nach dorthin zu übermitteln.
„Nein, Exzellenz! Gar nichts Neues! Drüben Alles ruhig wie immer!“ sprach der General in den Apparat. „Aber ich bin in Unruhe... Unsere Gräben füllen sich mit Schnee... Wie?... Beim Feinde auch...?... Ach so... Ja ... wenn wir etwa anzugreifen gedenken...“
Er lachte tief und befriedigt, hängte ab und begrüßte mit Wangenküssen die beiden Gesinnungsgenossen.