Das Licht kam. Ein grauer Winterhimmel wölbte sich über der Welt. Nicolai von Schjelting schaute noch einmal zu ihm auf, allein lang hingestreckt am Fuß des Kieshangs, wo ihn Niemand sah, einsam im leeren Todesland zwischen den beiden Linien, und das war seine letzte Erkenntnis: Der Krieg ... mein Krieg ... ich habe ihn gerufen ... da ist er ... geht über mich hinweg ... und all das hinter mir...

Im russischen Schützengraben, vierzig, fünfzig Schritte entfernt, raunte es: Er glaubte, den Baß Schirajs zu unterscheiden, die Stimmen der Anderen, während seine Augen sich in dem fahlen Nichts über ihm erlöschend verloren. Durch diese Leere senkte sich ein pfeilschnelles Heulen wie ein Raubvogel auf die Russenschanze dahinten, krallte sich ein, schleuderte mit einem Donnerschlag Schnee, Erde, Gasqualm, Bretter, Draht und Menschen kirchturmhoch in die Luft, spielte da oben mit dem Kopf des Generals Schiraj, mit dem Rumpf des Hofmeisters, den Gliedern des Unteroffiziers, den Fetzen des Panslawisten und hüllte vergrollend den Greuel in schmutzigen Rauch. Aber schon raste der nächste der stählernen Stoßvögel heran. Schwärme von ihnen schwirrten unsichtbar aus unbekannter deutscher Ferne. Es waren die Donner des jüngsten Gerichts, unter denen an diesem Februarmorgen Nicolai von Schjelting beim Beginn der Winterschlacht von Masuren in das Nichts hinüberging. Ungeheure Leiterwagen rasselten am Himmel, Walfische durchzischten das Luftmeer, Riesen gurgelten sich und wieherten in den Wolken, Schiffssirenen heulten, Gassenjungen pfiffen schrill durch die Finger, Teufel johlten, Zyklopen hämmerten in wildem Takt auf dröhnendem Ambos und drüben, in den Russenlinien, verwandelte sich jäh das Toben des unsichtbaren wütenden Heers in aufspritzenden weißen Schnee und auffliegenden schwarzen Qualm und aufschießende rote Feuerzungen und stille feldbraune Hügel von Menschen, in einstürzende Erdhöhlen, klaffende Krater, betrunken umkippende Mammuth-Kanonen, sich langsam verneigende Kirchtürme, in der Luft tanzende Bäume, rasch, wie beim Untergang von Pompeji, zu Steinbrüchen sich wandelnde Städtchen.

Tagelang und tageweit, von Lasdehnen bis hinter Lyck, donnerte die Winterschlacht. Schjelting hörte es nicht mehr. Er hörte nicht mehr das Hurrah, mit dem sie Alle durch den Schnee herankamen, die er in Nord und Süd in Deutschland geschaut, grau, unermeßlich, unaufhaltsam anschwellend wie das graue Meer zur Stunde der Flut, und über ihn und den Schanzenbrei dahinter wegwogten, gen Osten, den Russen nach.

Dann, viel später, sagte eine Stimme:

„Die Kiesgrube da kommt uns gerade zu paß! Da liegt ohnedies schon Einer drin!“

Es waren deutsche Landsturm-Männer. Sie hatten ihre Gewehre in Pyramiden gestellt und die Pfeifen im Bart. Sie trugen die steifgefrorenen toten Russen aus den Schützengräben und senkten sie auf den Grund des Abhangs, auf dem Schjelting lag. Die Muschiks kamen zu ihm herab und leisteten ihm, der sie in den Krieg geführt, im Tode Gesellschaft. Einer nach dem andern legte sich auf ihn. Sie bedeckten ihn, türmten sich über ihn mit ihren feierlichen und starren, groben Gesichtern. Die menschgewordene und wieder erstorbene breite russische Erde wurde sein Grab. Die Unzähligen machten auch ihn zur Zahl. Die Namenlosen löschten seinen Namen, schieden ihn aus der Erinnerung aus, als einen Verschollenen, von dem Niemand wußte, wo und wie er sein Ende gefunden.

„...’Morgen, Leute!“

„Guten Morgen, Exzellenz!“

Der weißhaarige, blitzäugige Preußengeneral, der, die Zigarre im Mund, die Autobrille über dem Mützenrand, die Hände in den Manteltaschen, von der Chaussee her mit seinem Stab über das Feld kam, war sehr guter Dinge. In seinem Abschnitt hatte die Geschichte geklappt. Überall. Fern, gegen Süden hin, tönten noch in langen Abständen die letzten Donnerschläge des verhallenden Wintergewitters.

„Ach, hören Sie ’mal, lieber Isebrink...“