Paul Isebrink hatte sich umgedreht, um zurückzukehren, und hemmte, das Gesicht dem Rhein zugewandt, nach ein paar Schritten im Heidekraut den Schritt. Da unten im deutschen Wiesengrund lag schon wieder, bläulich geisterhaft im grellen Mondschein, das schlafende Heer: Ein Rund von Pickelhauben um ersterbende Glut, stumm glitzernde Gewehrpyramiden in Reihen vor den Zelten, still im Stehen an ihren Pflöcken schlafende Pferde, einsame Gestalten im Mantel, das Gewehr unter dem Arm, auf Wacht.
Der oben stand zwischen den beiden Heeren. Auf seinen Zügen lag jetzt der tiefste Ernst seines Wesens, den er selten Anderen zeigte, den er hart und beinahe schamhaft in sich verschloß. Es ging ihm durch den Kopf: da ruhen Mann und Roß, bis wieder einmal die Raben um den Kyffhäuser fliegen. Und so wie hier schlafen überall in Europa unterirdisch bis an die Zähne gerüstet die eisernen Männer. Oben ist Sonnenschein. Da sieht man sie nicht. Hat andere Dinge im Kopf. Glaubt kaum mehr an sie und ihr Erwachen. Wir, die Offiziere, wissen es besser...
Wir wissen, was sich die Andern nicht mehr sagen: noch nie war ewiger Friede auf Erden! Immer wieder steigt die Stunde auf, um die keiner herumkommt, kein Mensch und kein Volk. Dann sei Gott mit Dir und Deiner Kraft, mein deutsches Land...
Im Wiesengrund unten verloschen die letzten Feuerpünktchen. Die Herren waren in die Klappe gekrochen. Wozu sie jetzt noch stören! Man konnte ihnen ja in Münster den Ausgang ihrer Wette in ein paar Zeilen hinterlassen. Dort fand man wohl schon den ersten Morgenzug zurück nach Kolmar und weiter nach Berlin.
Es war ein stundenlanger Weg durch Tannenwald und totenstille Nacht bergab. Ehe noch Isebrink das Tal erreichte, begann sich drüben über dem Rhein der Himmel zu färben: Feurige Zeichen erschienen an ihm. Unheimliche Flammenstreifen glühten auf, vergrößerten sich schnell, flossen ineinander. Eine ungeheure düstere Röte wuchs reißend empor und füllte, soweit ein Menschenauge reichte, die Himmelswölbung. Wie ein Weltbrand. Wie ein Meer von Blut.
In der ahnenden Morgenfrühe hallten die Schritte des Hauptmanns Isebrink auf der einsamen Straße wieder. Von Neuem dachte er an die Zukunft und sagte sich: Was wir haben, schützen wir nur durch das, was wir sind. Und nur das lebt, wofür man stirbt...
IV.
Heute erwarte ich nun meinen Filius hier in Wiesbaden!“ sagte der Generalmajor z. D. Isebrink, während er mit zwei anderen alten Generalen in Zivil die Wilhelmstraße hinabging.