Wirklich sammelten sich schreiende, wehklagende und drohende Haufen um das Gefängnis, dessen leichte, dürre Bambuswände in der Glut zusammengestürzt waren und einen funkensprühenden Trümmerhaufen bildeten. Ein fesselnder Anblick bot sich dar: all die gelben, in den seltsamsten Kostümen — dasjenige Adams nicht ausgeschlossen — umherlaufenden und gestikulierenden Menschen, erhellt von der roten Lohe, deren Widerschein zugleich das Ufer färbte, wo mehr als ein riesiger Kaiman lüstern spähend mit halbem Leibe aus dem Sumpf auftauchte.

Allen voran im flatternden Gewande mit hocherhobenen Armen stürzte Lani-Lameh, der Zauberer. Wilde Verwünschungen schallten von seinen Lippen; er ermunterte offenbar die übrigen, den Flüchtlingen zu folgen.

Als sich diese nach dem Führer umsahen, war er verschwunden. Der listige Geselle mußte jetzt im Dorfe bemerkt werden, um nicht durch seine Abwesenheit Verdacht zu erregen; — Holm begriff das, aber er erschrak. Wohin im Dunkel fliehen, ohne den Verfolgern in die Hände zu fallen.

Da erfaßte jemand seinen Arm. In englischer Sprache erklang ein rasches „Dort hinaus, Herr!“ und ohne erst zu fragen, wer der Sprechende sei, folgte die kleine Schar dem gegebenen Rate. Nach einer Viertelstunde angestrengten Marschierens, wobei der Steuermann zweimal über vorspringende Baumwurzeln fiel und in allen Tonarten auf Wälder und Fußreisen und Dunkelheit schimpfte, war endlich eine Lichtung erreicht, von der verschiedene Wege abzweigten. Kein Laut verriet die Nähe der Malagaschen, kein Zeichen deutete auf Gefahr, daher ließen sich die Flüchtigen Zeit, endlich auch aus den mitgebrachten Vorräten der Matrosen eine tüchtige Stärkung zu sich zu nehmen. „Prosit!“ nickte der Steuermann. „Und dergleichen nennen Sie ein Vergnügen, mein Herr Holm? So schauderhafte Strapazen finden Sie ganz unterhaltend und angenehm? — Um des lieben Himmels willen, was wollen Sie mit dem Hahn?“ setzte er hinzu. „Freilich bin ich kein Gelehrter, aber mich deucht doch, daß der weiße Kerl ein ganz gemeiner Haushahn ist.“

„Oho, Papa Witt, mehr Respekt, wenn ich bitten darf! Dieser Hahn, den ich als unseren persönlichen Schutzhahn an der einen bräunlichen Feder vorn auf der Brust mit Sicherheit erkenne, — dieser Hahn ist ein Sendbote Zannaars und des Riesen Darafif wider die Macht und Tücke Angatschs des Bösen; — oder ernsthaft gesprochen: er war eines der Werkzeuge, deren sich Gott bediente, um uns vor grauenhaftem Tode zu bewahren. Wären wir ohne den weißen Hahn gewesen, so hätte uns das wütende Volk auf dem Fleck in Stücke zerrissen.“

Er setzte nun den Verlauf ihres Abenteuers dem Alten kurz auseinander und fragte jetzt erst, wie denn eigentlich die Freunde an Bord des Dampfers Kunde von dem Geschehenen erlangt hätten. Ehe Papa Witt antworten konnte, zog Franz an der Hand den jungen Hova-Sklaven aus dem Hintergrunde hervor. „Herr Doktor,“ rief er, „und du, Karl, hier ist Rua-Roa, der weder Mühe noch Gefahr scheute, um uns zu retten. Er hat in der Nacht den ganzen weiten Weg bis zum Schiffe zurückgelegt, er hat unsere Reisegenossen hierhergeführt, — ihr dürft ihn nicht verstoßen!“

Der junge Malagasche warf sich auf den Boden und umfaßte mit beiden Armen die Kniee des Geistlichen. „Nimm mich mit dir, Herr,“ bat er leise und innig. „Rua-Roa will dein Sklave sein, er will dir gehorchen und dir danken bis an das Ende seiner Tage, aber nimm ihn mit dir auf das Schiff und unter weiße Leute!“

Doktor Bolten schüttelte zweifelnd den Kopf. „Das geht nicht so ohne weiteres, mein junger Freund,“ sagte er herzlich. „Zuerst müßte ich doch wissen, ob du Eltern hast, denen ich unmöglich ihr Kind rauben dürfte, dann aber —“

Ein Ausruf des Knaben unterbrach ihn. „Rua-Roa hat keine Eltern mehr, Herr, er ist ein armer Sklave, der dem härtesten aller Hovas als Eigentum gehört. Arra-Arra ist grausam wie ein reißendes Tier, er schlägt und tritt seine Knechte, er vermietet sie nach der Hauptstadt Tananarivo zu den schwersten Diensten und gibt ihnen kaum so viel, um sich eine Decke oder ein Hemd kaufen zu können. Er wirft sie, wenn der Feuertrank der Weißen sein Gehirn umnebelt, zum Vergnügen den Krokodilen vor.“

Ein Ausruf der Entrüstung tönte von den Lippen aller Anwesenden. Die Matrosen bedauerten noch jetzt auf das lebhafteste, nicht an den gelben Schurken ein warnendes Beispiel statuiert zu haben; sie wollten dem Knaben kleine Geldgeschenke machen und ihn ihres Schutzes versichern, aber der Doktor erklärte, daß notwendig vorher erst eine Frage entschieden sein müsse. „Das Christentum kennt keine Sklaverei,“ sagte er, „es kann nie und nimmer den einen Menschen als das rechtmäßige Eigentum des anderen betrachten, ich will daher mit gutem Gewissen dieses Kind einem grausamen und trunksüchtigen Gebieter entziehen, um aus ihm einen rechtschaffenen Christen heranzubilden, aber nur dann, wenn Rua-Roa wirklich kein Dieb ist. Einen solchen könnte ich den mir anvertrauten Zöglingen nicht zum Gesellschafter geben. Sprich also, mein Sohn, sei wahr, als ständest du vor dem Richterstuhle Gottes, — hast du jenes rote Tuch genommen oder nicht?“