Der Sklave schüttelte traurig den Kopf. „Rua-Roa hat keine Mutter oder Schwester, der er es schenken könnte, Herr; Rua-Roa hat auch keine Hütte, um es darin zu verstecken oder für sich selbst zu behalten. Wenn Arra-Arra, sein Gebieter, schlechter Laune ist, oder wenn ihn das Feuerwasser krank gemacht hat, so läßt er den Zauberer kommen, um ihn zu fragen, wessen böser Blick oder wessen Verbrechen das Unglück verschuldete; Lani-Lameh nennt dazu jedesmal einen Sklaven als den Übelthäter, weil nur diese den Krokodilen vorgeworfen werden dürfen und weil ihm solche Richtersprüche viel Geld und Ansehen eintragen. Rua-Roa hat das Tuch nicht genommen, Herr, möge ihn Zannaar, der Weltgeist, strafen, wenn er lügt!“

Das war so einfach, so kindlich gesprochen, daß es auf keinen der Anwesenden seinen Eindruck verfehlte. Der alte Geistliche reichte dem Malagaschen beide Hände. „Steh auf, Rua-Roa,“ sagte er, „du sollst bei uns bleiben, armer Junge, ich will vor Gott und den Menschen verantworten, daß ich dich, der du uns alle vom sicheren Tode errettetest, aus so unwürdigen, verderblichen Umgebungen entferne. Du sollst nach deiner freien Wahl bei uns bleiben oder dich hinbegeben, wo du Lust hast, aber zurückschicken werde ich dich um keinen Preis. Ist das nicht auch Ihre Meinung, Freund Holm?“

„Vollständig!“ nickte der junge Gelehrte. „Franz würde es ja doch nie verzeihen, wenn wir uns weigerten, nicht wahr, du?“

„Ich würde sehen, Rua-Roa heimlich an Bord zu bringen!“

Holm sah ihn an. „Da das dem Knaben nicht verständlich geworden ist, so mag es hingehen, Franz,“ sagte er leise. „Du solltest dich bemühen, ihm als Vorbild zu dienen, denke ich.“

Franz errötete, während der Malagasche im unklaren Gefühl, daß er hier einen Freund gefunden, seine Hand ergriff und küßte. „Wir wollen den Blutschwur tauschen, du und Rua-Roa,“ flüsterte er. „Auch Freie tauschen ihn mit Sklaven.“

„Was ist das, ein Blutschwur?“ fragte lebhaft interessiert der Knabe.

„Pst, — hier nicht. Ich sage dir’s später, Herr!“

Er dankte halb wehmütig, halb freudevoll dem alten Geistlichen und auch Holm; er gelobte nochmals, ein treuer ergebener Diener zu sein und sprang dann allen voran, um den Weg zum Strande weiter zu verfolgen. Allmählich hatten auch schon die ersten Sonnenstrahlen das Dunkel gelichtet, es wurde Tag, und ringsumher glänzte die Schönheit der südlichen Welt, entfaltete sich das Tierleben, und spielte neuerwacht der Morgenwind mit tausend Blüten. Die Reisenden sahen zum erstenmale den Tangaibaum, welcher nur auf Madagaskar angetroffen wird, und dessen Früchte wie Pfirsiche herabhängen, unter ihrem ziemlich geschmacklosen Fleische jedoch einen sehr giftigen Kern verbergen; dann die einheimische Feige und endlich in einem kleinen murmelnden Flüßchen die Gitterpflanze, welche gänzlich unter der Oberfläche des Wassers stand. Holm nahm eine davon mit allen ihren Teilen sorgfältig heraus, um sie zu präparieren. Die neun bis zehn Zoll langen Blätter lagen kaum zwei Zoll breit wagerecht unmittelbar unter dem Wasserspiegel und zwar in einem Kreise von mindestens drei Fuß Durchmesser; dabei zeigten sie in ihrer Entwickelung die verschiedensten Farben, von dem Blaßgelb der ersten sich bildenden Blättchen durch alle Schattierungen von braun und grün bis zu den größten, ganz schwarzen Blättern, die einzigen in der Natur, welche die dunkle Totenfarbe tragen. Und wie eigentümlich waren die langen, schmalen Blätter! — Nur Gerippe von solchen, nur Blattgerüste. Der klare Grund glich einer feinen, durchbrochenen Spitze, und doch war das Gewebe zart genug, um die ganze Schwere der Pflanze zu tragen. Holm freute sich außerordentlich, das seltene Gewächs aufgefunden zu haben, ebenso die Destillierpflanze, deren kammartige, mit Deckeln versehene Blumen inwendig einen förmlichen Destillierapparat besitzen, und mehrere andere. Selbstverständlich wurden Blätter der seltenen Gitterpflanze mitgenommen.

Jeden Augenblick wurde die Wanderung unterbrochen, was ebensoviele Äußerungen der Ungeduld von seiten des Steuermannes hervorrief und endlich dazu führte, daß sich die kleine Gesellschaft einstweilen trennte. Hier in der Nähe des Meeres war von den Malagaschen nichts zu fürchten, sie hatten vielmehr alle Ursache, sich mäuschenstill zu verhalten und Gott zu danken, wenn nicht in der Hauptstadt gegen sie Klage geführt wurde. Papa Witt marschierte also mit seinen getreuen Teerjacken auf kürzestem Wege zum Ankerplatz zurück, die anderen dagegen unternahmen noch einen kleinen Streifzug in die Umgegend, wobei ihnen Rua-Roa als Führer diente. Alle Sorgen, aller Kummer und alle erlittenen Strapazen waren vergessen. Man befand sich wieder im grünen Walde, wohlbewaffnet und mit Korbflaschen versehen, und überließ sich der Hoffnung, noch einige seltene, wenn auch nur harmlose Tiere zu erlegen.