Aber Rua-Roa hütete sich, dem Babakut, der nach seiner Meinung ein verzauberter Mensch war, näher zu treten. „Tanrak!“ sagte er aus der Entfernung. „Tanrak, Herr, er ist keineswegs bösartig oder giftig.“
Franz hatte während dieser Unterhaltung zwischen den anderen mit seinem großen Messer die Ranken und Blätter entfernt; jetzt zerschnitt er etliche Baumwurzeln, zog den toten Affen hervor und warf Moos und Erde zurück, daß die Stücke flogen. Hans half nach besten Kräften und in wenigen Minuten war die Höhlung bloßgelegt. Im Hintergrunde derselben saßen ein paar kleine wunderliche Gesellen, die mit dem Kleide aus Borsten und mit dem langen spitzen Rüssel sogleich von allen Anwesenden als Glieder der Igelfamilie erkannt wurden. Nach Art dieser Tiere versuchten sie bei ihrer plötzlichen Entdeckung keine Flucht, sondern saßen still und unbeweglich auf einer Stelle, sonderbar anzusehen mit den ganz schwarzen, nur von drei weißen, über den Rücken herablaufenden Längsstreifen gezeichneten, starren Borsten, die ihre eigentliche (Maulwurfs-) Größe zu verdoppeln schienen. Im Sommerschlaf gestört, blinzelten sie verdrießlich und waren aus der bequemen geduckten Haltung nicht aufzurütteln.
Franz ergriff den Affen und trug ihn auf die andere Seite des Platzes. „Rua-Roa,“ rief er, „wie fangen wir es an, die Tierchen lebend zum Schiffe zu bringen? Haben müssen wir sie.“
Der Malagasche nahm den aus weißem Gras geflochtenen Hut vom Kopf; dann die Hand in einen Zipfel seines langen Hemdes wickelnd, ergriff er vorsichtig das stachlichte Pärchen und setzte es in den Hut. Mit kräftigem Schwunge das Fleischstück am langen Stecken über seine Schulter werfend, unter dem linken Arm die Tanraks, schickte er sich an, wieder das Amt des Führers zu übernehmen. „Du machst dir vergebliche Mühe, Herr,“ sagte er, „weder den Babakut, noch den Aye-Aye, noch den Tanrak kannst du essen.“
Alles lachte, so daß der Halbwilde ganz verdutzt dreinschaute. Die beiden Brüder trugen den Babakut, Holm nahm die Haut des Eichhornmaki und so wanderten alle zum Strande hinab, wo in grüner, lauschiger Bucht das Boot der „Hammonia“ lag, um sie an Bord des Dampfers zu bringen. Ein fröhliches „Ahoi!“ der Matrosen empfing die Wanderer, rüstige Arme hoben all die reichliche Ausbeute an Pflanzen und Tieren in das kleine Fahrzeug, die Kette wurde gelöst, und als der letzte von allen bestieg Rua-Roa die Planken, welche ihn von seinem Vaterlande für immer trennen sollten. Er schien die Insel, auf der er geboren, ohne Schmerz zu verlassen; dagegen erregte ihm der Dampfer eine heimliche Furcht, die sich noch steigerte, als vom Vorderteil her die Kanonen einen Willkommensgruß über die blauen Fluten dahin und den Ankömmlingen entgegensandten. Das rotweiße Wappen von Hamburg flog am Mast empor, der Kapitän schwenkte grüßend den Hut; wie ein Strom von Gold lag heller Sonnenglanz auf Schiff und Meer.
Es war diesmal den Reisenden so recht ein Nachhausekommen; es wehte sie an wie Heimatsgefühl und sonntäglicher Friede, als sie das Deck wieder betraten, — nur Papa Witt hatte das alte Schelmengesicht und den alten, unverwüstlichen Seemannshumor auch in dieser Stunde behalten. „Zwei tote Affen und zwei lebendige Stachelschweine!“ sagte er. „Gott stehe mir bei, und dafür wären nahezu vier gute Christen von den Krokodilen verschlungen worden. Ein anderes Mal gehe ich mit, wenn die Herrschaften wieder an Land wollen; dann bleibt alles fein vernünftig auf ebener Straße.“
Dagegen protestierten nun freilich die jungen Leute auf das entschiedenste. Papa Witt sei am Lande völlig ungenießbar, versicherten sie, er möge lieber den Koch antreiben, daß jetzt ein recht guter Bissen auf den Tisch komme.
Holm suchte unter den Fässern im Schiffsraum ein passendes leeres aus, in den er den Babakut legte und ihn mit Spiritus übergoß. Da jedoch nicht aller Spiritus verwendet werden sollte und das Faß noch nicht voll war, so füllte er den Rest desselben mit Rum aus, den ihm der Steward geben mußte, worauf der Schiffszimmermann das Faß wieder dicht schloß und die Fugen desselben leicht verpichte. Die Makihaut wurde in derselben Weise mit Arsenikseife präpariert wie früher der Balg des Nashornvogels.
Papa Witt zürnte anfangs über den Mißbrauch des guten Rums, aber als Holm ihm erklärte, daß die anatomische Zergliederung der Affen der Wissenschaft von größtem Interesse sei, antwortete er scherzend: „Es wäre doch wohl besser gewesen, von dem Rum einen schönen Grog zu brauen, als ihn dem alten häßlichen Affen zu geben, der noch dazu tot ist und seine Güte nicht zu würdigen versteht.“
So war denn alles an Bord nur Heiterkeit und Freude. Nachdem aber mit Essen und einem stärkenden Mittagsschlaf die ersten Stunden vergangen, erinnerte Doktor Bolten die kleine Gesellschaft, daß es heute Sonntag sei. Unter dem Sonnensegel am Deck wurde ein Gottesdienst gehalten, den Rua-Roa voll schweigender Ehrfurcht, vielleicht zu seinen Heidengöttern betend, mit anhörte. Der alte Theologe dankte dem Himmel für die Rettung aus höchster Todesangst, stumm hing alles an den Lippen des verehrten Mannes, leiser spielte der Wind mit den weißen Wogenhäuptern, und laut schmetternd krähte der heilige Hahn, der Sendbote Zannaars des Weltgeistes.