Dann stellte Holm aus einem großen Thonklumpen durch Rollen auf einem Brette eine große, lange Wurst her, die er dem auf der Erde Liegenden so um das Gesicht herum legte, als wollte er ihm ein Zahntuch aus Lehm umbinden. „Dieser Thonwulst soll das Herabfließen des Gipsbreies verhüten,“ sagte Holm, „und damit derselbe sich nicht in Rua-Roas Augenbrauen festsetzt, bedecken wir dieselben mit feinem, ölgetränkten Seidenpapier.“

„Aber erstickt Rua-Roa nicht, wenn wir ihm das ganze Gesicht voll Gips gießen?“ fragte Franz.

„Wir befestigen ihm mit etwas Lehm in jedem Nasenloch einen Strohhalm,“ erwiderte Holm, „dadurch kann er hinreichend atmen. Das haben sich vor ihm schon manche Wilde gefallen lassen müssen, und er wird auch nicht der letzte sein, zumal der ganze Vorgang keine fünf Minuten währt.“ Rua-Roa ließ sich geduldig das Seidenpapier auf die Augenbrauen und anderen Stirnhaare legen, auch gegen das Einölen des Gesichtes machte er keine Einwendungen. Als Holm ihm aber die Strohhalme in die Nase befestigen wollte, sprang er auf und weinte. Das war ihm zu viel. Keine Bitten konnten ihn bewegen sich wieder niederzulegen, er glaubte, daß man ihn umbringen wolle. „Doktor,“ rief Holm, „reden Sie ihm zu, er hat ja selbst gesagt, daß er Ihr Sklave sein wollte. Spielen Sie einmal den Plantagenhalter und brauchen Sie Ihre Autorität.“ Doktor Bolten lächelte milde und ging auf Rua-Roa zu. „Mein Sohn,“ sagte er, „der mutige Knabe hat dich aus dem Rachen des Krokodils gerettet und war in Lebensgefahr deinethalb, wie wir alle. Kannst du glauben, daß deine Erretter dir Schaden zufügen wollen? Sieh, wir verlangen nur einen kleinen Dienst von dir, du wirst doch eine geringe Unannehmlichkeit ertragen können, um deinem Dank Ausdruck zu geben, von dem du in so beredten Worten gesprochen. Nicht Worte machen den Dank, sondern die That.“

Rua-Roa hörte auf zu weinen. Er sah zu komisch aus mit dem vom Lehm eingerahmten Gesichte und den Thränen, die von der eingeölten Haut herunterliefen, wie das Wasser von den fettigen Federn einer Ente. Dann legte er sich ergeben auf den Rücken und wartete der schrecklichen Dinge, die da kommen sollten. „Schließe die Augen und den Mund, atme langsam durch die Strohhalme,“ rief ihm Holm zu, der in einer großen Schüssel den erforderlichen Gipsbrei anrührte. „Und nun nicht gemuckt, freundlich gelächelt, damit du später nicht als Heulmeier in Gips erscheinst.“ Bei diesen Worten schüttete Holm den bereits im Erstarren begriffenen Gips auf das Gesicht Rua-Roas, der sich wirklich Mühe gab zu lächeln. „Halte dich ruhig, mein Junge,“ ermutigte Holm den Daliegenden, der eine unförmliche Maske von Gipsbrei vor seinem Gesichte hatte, „und schnaube mir nicht zu sehr. Es ist dein eigener Schade, wenn die Hohlform von deinem ehrenwerten Antlitz nicht gelingt, denn dann, mein Lieber, mußt du noch einmal daran. — So,“ rief Holm, „der Gips ist bereits erhärtet.“ Er entfernte zuerst die Strohhalme, dann lüftete er die Gipsmasse bald an der einen Seite, bald an der anderen, um sie allmählich zu lockern, und hob sie behutsam von dem Antlitz Rua-Roas ab.

Rua-Roa that einen tiefen Atemzug und sprang auf. Holm überzeugte sich, daß die Hohlform vorzüglich gelungen sei, und sagte: „Du sollst schön bedankt sein für dein ruhiges Verhalten, Ruachen. Jetzt gehe nur mit Franz zum Koch, daß derselbe dir lauwarmes Wasser und Seife gibt, um dir Lehm und Öl abzuwaschen.“ Rua-Roa sprang fröhlich von dannen, von Franz begleitet. Während der Gelbe sich von den letzten Spuren der glücklich überstandenen Tragödie befreite, ging Franz an seinen Reisekoffer, dem er ein schönes Taschenmesser entnahm. Dieses schenkte er Rua-Roa, der kaum ein Wort des Dankes finden konnte, aber dem jungen Weißen die Hand treu und ehrlich drückte.

Am nächsten Tage wurde aus der Hohlform ein Abguß gemacht und Rua-Roas Antlitz präsentierte sich, wenn auch mit geschlossenen Augen, so doch, wie es ja auch nicht anders sein konnte, naturgetreu und ähnlich.

„Ein Apollokopf ist es nicht,“ meinte Holm, „aber es ist das Gesicht eines treuen, guten Menschen, er hat sogar versucht freundlich zu lächeln, wie ich ihm sagte.“

„Schade daß der Abguß so weiß aussieht,“ sagte Hans, „ich hätte Lust ihn farbig anzumalen, dann würde er unserm neuen Kameraden erst recht ähnlich sehen. Aber woher sollen wir soviel Farbe nehmen, der Tuschkasten würde darauf gehen.“

Auch hier wußte Holm wieder Rat. „Der Schiffszimmermann wird Farben haben, mit denen er die einzelnen Teile des Schiffes anzustreichen pflegt. Wir gebrauchen ja nur Gelbweiß für die Haut, Rot für die Lippen und Schwarz für die Haare.“

Der Zimmermann war glücklicherweise im Besitz des Gewünschten. Holm mischte die Farben und Hans malte den Gipsabguß, während Rua-Roa Modell sitzen mußte, damit die Farben auch mit dem Originale übereinstimmten. In einer halben Stunde war das Werk vollendet. Als Rua-Roa die kolorierte Gipsmaske sah, erschrak er. „Ach — Malagasche!“ rief er und wollte fliehen. „Laufe nur nicht vor dir selbst weg,“ lachte Holm, und nur mit Mühe konnten sie den Wilden dazu bringen, sein eigenes Abbild schließlich in die Hand zu nehmen und sich zu überzeugen, daß es kein lebendes Wesen sei, was er hielt. Die Matrosen bewunderten dies Kunstwerk, und einige wünschten, sie möchten auch so abgegossen werden. Holm aber sagte, daß sie photographiert werden sollten, sobald die Gelegenheit günstig wäre, das Abgipsen sei für die Wilden. Franz wandte jedoch ein Bedenken gegen diese Prozedur ein. „Wenn schon Rua-Roa sich so sehr sträubte, werden dann auch die Wilden sich hergeben, die uns lange nicht so freundlich gesinnt sind wie jener?“ fragte er. — „Nur mit reichen Geschenken wird es uns gelingen, ein lebendes Modell zu gewinnen,“ antwortete Holm, „und dann auch nur schwierig. Ihr könnt hieraus ermessen, welche Mühe und welche Energie dazu gehört, das Material für den Forscher in genügender Reichhaltigkeit zusammenzutragen, und wenn ihr später einmal wieder ein ethnographisches Museum besucht und solche Gipsabgüsse seht, dann werdet ihr nicht achtlos vorüber gehen, sondern daran denken, daß an jeden Kopf sich ein Kampf knüpft, wenn auch nur der friedliche der Überredung.“