„Mit der nächsten Post schicken wir Rua-Roas Abguß nach Hamburg,“ sagte Franz, „damit sie dort sehen, wie der gute Bursche ausschaut, der uns das Leben retten half.“
„Und den ersten Wilden, der sich mir anvertraut, werde ich abgipsen,“ rief Hans. „Ihr sollt sehen, ich werde meine Sache schon gut machen.“
Am Nachmittage wurde an einer kleinen öden Insel angelegt, die nur von Fregattvögeln, Albatrosarten und Tölpeln bewohnt war, auf die Jagd gemacht werden sollte.
In großen, bis über die Kniee hinaufreichenden Seestiefeln, mit Waffen und Proviant versehen, machten sich die Knaben in Holms und einiger Matrosen Begleitung auf den Weg, während der alte Geistliche dieser Unternehmung fernblieb. Gefahren gab es nicht zu überstehen, wohl aber mußte man unausgesetzt klettern, und das überließ er denn doch lieber den jüngeren Beinen.
Durch Röhricht und Schilf, über Klippen und Vorsprünge, durch flache Seeen ging es dahin, Rua-Roa und Franz immer voran und hinter ihnen die übrigen, mit Einschluß des Kapitäns, dem es Vergnügen machte, eine kleine auf diesen wüsten Inseln häufige Taubenart zu schießen. Die anderen verfolgten freilich interessantere Zwecke, sie fingen und erschlugen oder schossen vom Nest weg die Vögel, welche ihnen kaum aus dem Wege hüpften, sondern ganz zutraulich sitzen blieben, da sie ja in den Menschen noch keine Feinde kannten. Ein Kauffahrteischiff kommt selten in diese entlegenen Gegenden, viel weniger ein Postdampfer; die riesigen Anwohner des Meeres nisten also und brüten von Geschlecht zu Geschlecht in ungestörter Ruhe, nur sehr selten von dem Besuch des Naturforschers überrascht und um einige Glieder ihrer ausgedehnten Familie ärmer gemacht. Weiße, bis zu reichlich drei Meter Flugbreite haltende Albatrosse, ihre jüngeren braunen Sprößlinge, die großen Fregattvögel und in Scharen die grauen Tölpel, so saß es und watschelte, so flatterte und flog es zwischen den Klippen, wie wenn die wüste, vielleicht kaum den Flächeninhalt eines Marktplatzes besitzende Insel ein zoologischer Garten wäre, wo man künstlich gezähmte, fremde Tiere ungestört von Angesicht zu Angesicht bewundern kann; aus allen Löchern kamen Raubmöwen und Sturmtaucher hervor; auf jeder Klippe krochen riesige, graue Krabben, die hier von dem leben, was die Vögel als Beute ihren Jungen zutragen, und die in der Nähe eines solchen Nestes förmlich auf der Lauer liegen.
Im tiefsten Grunde der Insel brüteten allemal zu Tausenden die Pinguine, deren scharfe Schnabelhiebe zuweilen, wenn sie an den derben Stiefeln abglitten, ein schallendes Gelächter, wenn sie dagegen eine unvorsichtig herabhängende Hand trafen, einen Schmerzensschrei hervorriefen. Die Tiere blieben ruhig sitzen, wollten aber eine Annäherung ihrerseits nicht gestatten und verteidigten daher die Nester, auf denen sie hockten, mit solcher Entschlossenheit, daß mancher Umweg dieser starken Schnäbel wegen gemacht werden mußte. Eier und erlegte Tiere aller Gattungen waren stets die Ausbeute solcher Streifzüge, die freilich nicht immer ohne Unfall verliefen und einmal sogar das Leben der jungen Abenteurer ernstlich bedrohten. Ein plötzlicher Sturm drängte das Schiff von den Ufern der Klippe zurück, die Brandung ging haushoch, das Boot zerschellte in tausend Splitter, und Wind und Wasser fegten wie rasende Kobolde über den einsamen Fleck im rings sich dehnenden Ozean dahin. Ganze Sturzseen schlugen über den äußern Rand, Legionen von Tropfen regneten herab, und das donnerähnliche Geräusch des Sturmes verschlang jeden Laut. In Scharen wiegten sich Fregattvögel und Albatrosse, des Tobens froh, in der bewegten Luft; flügelschlagend kämpften sie gegen das empörte Element, rings umher entfaltete sich die Thätigkeit aller dieser meergewohnten Geschöpfe mit verdoppelter Stärke; nur die Menschen standen ratlos neben einander im Schutze eines Felsstückes, sie allein hatten zu fürchten, daß dem Schiffe ein Schaden geschehe, und daß sie dann in dieser grauenvollen Wildnis ohne irgend ein Lebensmittel, ohne Baum oder Feuer, dem qualvollsten Untergang verfallen würden, — Stunden vergingen, die Mastspitzen der „Hammonia“ verschwanden am Horizont, die ganze Insel triefte, und selbst das harte Schiffsbrot in den Taschen war aufgeweicht und zu Brei verwandelt; dann aber sprang der Wind nach anderer Richtung über, seine Wut ließ nach, und vor Sonnenuntergang sahen die unfreiwillig Verbannten das Schiff, dessen Kanone ihnen von Viertelstunde zu Viertelstunde einen Gruß gespendet, im fernen Blau wieder auftauchen. Papa Witt schickte sechs Matrosen mit einem Boote ans Ufer, und nach beschwerlicher Überfahrt, bei der jedoch die Jagdbeute glücklich geborgen wurde, hatten alle das rettende Deck wieder erreicht. Dennoch aber war damit der Krieg gegen die Vogelwelt keineswegs als beendet anzusehen. Zahllose große Vögel verfolgten, nach Abfällen spähend, das Schiff, namentlich Albatrosse, auf die dann die Matrosen Jagd machten, indem sie an langer Leine einen Angelhaken, in Fleisch versteckt, dem Dampfer nachschwimmen ließen. Die Vögel stürzten sich auf den ersehnten Bissen, verschlangen ihn und flogen nun in Todesangst, bang flügelschlagend, so weit es die Schnur gestattete, bis die glücklichen Jäger ihre Beute ohne alle Mühe heranzogen. Doktor Bolten erwirkte indessen sehr bald bei dem Kapitän ein Verbot dieser grausamen Belustigung, welche keinerlei ernsten Zweck hatte, sondern nur als Zeitvertreib diente. Das Fleisch des Albatros ist ungenießbar, seine Federn nicht zu brauchen; also mochten die großen, schönen Tiere leben, wo sie niemand schadeten, im Gegenteil vielleicht das Auge des Schiffers im Einerlei der Meeresfläche angenehm berührten.
Die Angeln wurden daher entfernt, und die Albatrosse blieben unbehelligt, ebenso die Tölpel, welche sich oft ganz dreist auf das Schiff setzten und sogar mit den Händen berühren ließen. Die dummen, grauen Tiere waren bei all ihrer Geistlosigkeit doch sehr schlaue Fischer, und immer, wenn sie irgend ein schwimmendes Geschöpf, Qualle oder Flossenträger, gefangen hatten, zeigte sich’s, weshalb die Fregattvögel so beharrlich in ihrer Nähe blieben. Der Tölpel ist der Leibeigene des Fregattvogels, er fängt die Beute, und jener verspeist sie.
Die Knaben saßen unter dem Sonnensegel des Verdecks und beobachteten das beständig wechselnde Spiel. In der Nähe des Schiffs, hart über dem Wasser, schwebten mit vorgestrecktem Halse die grau und schwarz gesprenkelten, etwa an Größe einem starken Raben gleichenden Tölpel und wußten geschickt unter der beweglichen blauen Oberfläche des Meeres die auftauchenden Fische zu entdecken. Sie schossen hinab und brachten, nie ihr Ziel verfehlend, den zappelnden Flossenträger im Schnabel mit sich herauf, aber schon ehe noch die Segelstange oder der Mast, wo sie ihren Raub zu verzehren dachten, halbwegs erreicht war, fielen die bedeutend größeren Fregattvögel über sie her, preßten ihnen die Kehle zusammen und nahmen den gefangenen Fisch dem eigentlichen Räuber siegreich wieder ab.
Einmal fiel solch ein kämpfendes Paar, in einander verbissen, plötzlich durch die Segel weg auf das Verdeck, und nun entstand eine höchst ergötzliche Szene. Aus einer der Seitenkojen im Matrosenraum sprang Murr, der große, schwarze Schiffskater, plötzlich mit Tigersprüngen hervor und blieb fauchend dicht neben den Ringern auf den Hinterfüßen sitzen. Seine von Zeit zu Zeit in die Luft schlagende Pfote, seine funkelnden Augen und das gereizte Knurren bewiesen nur zu deutlich, wie gern er über die beiden großen Vögel hergefallen wäre, aber die heftigen Flügelschläge, die scharfen Schnabelhiebe des Fregattvogels mochten ihn doch in respektvoller Entfernung halten, während ihrerseits die kämpfenden Segler der Lüfte von dem gefahrdrohenden Feind in ihm keine Ahnung hatten, sondern unbekümmert mit lautem Krächzen den eigenen Streit fortsetzten. Der Tölpel hielt beharrlich den gefangenen Fisch im Schnabel, wußte sich aber so zu drehen, daß es dem Fregattvogel nicht gelang, seinen Hals zu umklammern, obwohl ihn die scharfen Fänge desselben unerbittlich gepackt hielten.
Die riesigen Flügel, bald weit ausgebreitet, bald fest an den Körper gelegt, peitschten das Deck, herausgerissene Federn wirbelten in der Luft umher, und Blutstropfen färbten den Boden, — der Fisch hatte bereits zu leben aufgehört, aber immer noch währte der Kampf, als endlich die lachenden, mit gespannter Aufmerksamkeit den Vorgang beobachtenden Knaben ihren jungen Hova-Freund herbeiriefen. „Rua-Roa! komm her, komm her, sieh die Katze, — es ist um sich die Seiten zu halten.“