Der Malagasche kam schleunigst herbeigesprungen, sobald aber seinem suchenden Blick Murr, der wohlgenährte Rattenvertilger, begegnete, fiel er vor Schreck auf die Kniee und hob beide Hände zum Himmel empor. „Zannaar!“ rief er in Todesangst, „Zannaar! Darafif, großer Riese, steht uns bei! Angatsch der Böse, der Mörder und Betrüger, hat seinen Diener auf das unglückliche Schiff geschickt!“
Zufällig machte in diesem Augenblick Murr den bekannten hohen Buckel, sein langer Schweif fegte im Halbkreis unruhig das Deck, die grünschillernden Augen leuchteten vor Kampflust, er ersah den günstigen Moment, in welchem der Fregattvogel außer stande war, sich mit seinem Schnabel zu verteidigen, und stürzte sich geräuschlos nach Tigerart urplötzlich auf die Streitenden. Ein kurzer, schriller Schrei — dann hatte der große Vogel zu leben aufgehört; der Tölpel dagegen saß geduckt, dumm glotzend und sich schüttelnd auf den Brettern. Als ihm niemand mehr die Beute streitig machte, ergriff er seinen Fisch und verschlang ihn mit gierigem Ruck.
Der Malagasche betete fortwährend in der Hova-Sprache zu allen möglichen guten Geistern um Erlösung vom Übel; keine Macht der Erde hätte ihn bewegen können, den sieghaften Kater zu streicheln, und selbst als die beiden andern Knaben das thaten, schauderte er sichtlich. Auf ganz Madagaskar sei kein solches Tier zu finden, erklärte er, es müsse ein böser Geist sein.
Doktor Bolten wehrte den Knaben, als sie ihren jungen Freund zwingen wollten, sich mit Murr, dem Schnurrenden, Behäbigen, auf vertrauten Fuß zu stellen. Er hatte den religiösen und geschichtlichen Unterricht, welchen er dem ehemaligen Sklaven erteilte, so eingerichtet, daß der Geisterglaube ganz von selbst dem besseren Erkennen weichen mußte; jeden äußeren Zwang erklärte er für schädlich. Der Kater lief frei im ganzen Schiff herum, aber man ließ es scheinbar unbemerkt, wenn Rua-Roa mit wahrhaften Seiltänzerkunststückchen der Begegnung des Schwarzen auswich; seine Freunde überließen es der Zeit, ihn von dieser kleinen thörichten Furcht zu heilen, namentlich da der Gelbe in jeder Beziehung achtbar und liebenswürdig auftrat, sich seinen Wohlthätern dankbar bewies und im Lernen die besten Fortschritte machte.
Besonders mit den beiden aus Afrika herübergebrachten Affen hatte er sich in das glücklichste Einvernehmen zu setzen gewußt. Wickelschwanz und Schwarznase schienen für den jungen Farbigen eine besondere Zuneigung zu hegen; sie saßen auf seinen Schultern, fraßen aus seiner Hand und gehorchten ihm auf das erste Wort, den Widerwillen ihres Bezähmers gegen Murr in jeder Weise teilend. Der faule Kater erhielt von den flinken Händen mehr als eine Ohrfeige, und wenn zuweilen bei stillem Wetter der Schwarze und die beiden Affen sich im Takelwerk jagten, dann klang erbittertes Prusten, Schreien und Miauen über das Deck hin, bis meistens der Kater urplötzlich herabfiel und sich schleunigst unter den Kojen der Mannschaft verkroch.
Die beiden Tanraks dagegen sollten nicht lange zur Unterhaltung der Knaben dienen. Nachdem die letzten auf den öden Inseln gesammelten Würmer verzehrt waren, weigerten sich die Tierchen, irgend eine andere Nahrung zu nehmen, und starben ehe noch die Insel Mauritius erreicht wurde. Die Tiere wanderten zu dem Affen in den Spiritus und wurden mit allen übrigen gesammelten Gegenständen von Port St. Louis, der Hauptstadt der Insel, nach Hamburg geschickt.
Das Schiff verließ indessen nach sehr kurzem Aufenthalt diesen Hafen und setzte die Reise bis zur Fouqué-Insel fort. Erst da wurde Anker geworfen.
„Auf Mauritius haben wir für unseren besonderen Zweck keinen günstigen Boden,“ erklärte Holm, „das Tierleben der Insel ist arm, ursprüngliche Bewohner, also einen eingebornen Stamm hat sie gar nicht, es führen Landstraßen von einem Ende zum andern; kurz, Hoffnung auf naturwissenschaftliche Entdeckungen oder interessante Abenteuer ist nicht vorhanden. Die kleine Fouqué-Insel muß uns entschädigen.“
„Später machen Sie dann noch einen Spaziergang auf den Bambu-Pik,“ schaltete der Kapitän ein, „jedenfalls verlohnt die Aussicht dieser Mühe, nebenbei aber begegnen Ihnen doch auch vielleicht einige Eidechsenarten, indische Meerkatzen und viele schöne Pflanzen.“
„Wollen sehen!“ nickte Holm. „Erst zur Fouqué-Insel.“