Der junge Gelehrte betrachtete mit fast zärtlichen Blicken die Rosaschale, den weißen, feingefalteten Rand und das bequem eingebettete Tier, welches diese schöne Heimat bewohnt. „Wahrhaftig,“ antwortete er, „du hast recht, Junge! — und da noch, und da! — bei Gott, ein ganzes Lager von Schaltieren! Grüne, blaue und diese braunfleckigen, ich bitte dich, sieh her!“
Er warf den Sack zu Boden und kniete neben der Rinne, wo im klaren Wasser alle möglichen Muscheln und Schnecken sich angehäuft hatten. „Der indische Ozean ist für diese Tiergattung so recht die wahre Fundgrube,“ fuhr er fort. „Wir müssen hier einsammeln, was irgend erreichbar ist; eine so günstige Gelegenheit wird uns höchst wahrscheinlich nicht wieder zu teil. Entweder liegen die Korallenbänke unter Wasser, oder sie sind unzugänglich; — ach, da hätten wir dich, Tridacna gigas!“
Er hob eine Seite der Schale mühsam empor, fand aber, daß es ihm durchaus unmöglich sei, die ganze Muschel von ihrem Platze zu entfernen. Und doch war das Exemplar so schön, eines der größten seiner Art; er mußte es haben.
„Hört,“ rief er den übrigen zu, „geht zum Leuchtturm und schafft mir ein paar von den dort stationierten Wächtern oder zwei von unseren Matrosen, damit diese Muschel nicht verloren werde. Die nächste Flut könnte sie wegspülen.“
„Ich bleibe bei dir!“ rief Franz.
Der Doktor, Hans und der Malagasche beluden sich mit dem bereits gemachten Fang, und nachdem sie thunlichste Eile versprochen, kehrten alle drei auf dem schlüpfrigen Pfade zur Fouqué-Insel zurück, während Holm und Franz emsig so viele von den kleineren Muscheln losbrachen, als sich ohne Beistand erreichen ließen; weder einer noch der andere bemerkte, daß die Flut unaufhörlich stieg, ja, daß die Spitzen der Wogen jetzt schon bis auf wenige Fuß an das Plateau des Riffes hinaufgriffen. Nur einmal zog Holm die Uhr und sah nach. „Ach, Gottlob, noch zwanzig Minuten, das ist Zeit genug.“
Die anderen gingen indessen weiter. „Hütet euch, Kinder,“ ermahnte der alte Herr, „ich bitte dich, Hans, bleib in der Mitte. Das ist ein verzweifelter Weg!“
Er sah immer vor seine Füße, zeigte ängstlich den beiden Knaben jeden Spalt und jede Lache; von den Gesetzen der Flut und Ebbe wußte er vielleicht überhaupt nur das Alleroberflächlichste und vertraute rücksichtlich dieser Dinge auch durchaus seinem jungen Reisegefährten. Daher kam es, daß er dem Meere keinen Blick schenkte, sondern vielmehr erleichtert aufatmete, als die gefährliche Expedition zu Ende und das Zelt unter dem Leuchtturm glücklich erreicht war.
Eimer und Netze, sowie der große Sack wurden geleert; dann lief Hans hinauf und bot den Wächtern ein Trinkgeld, wenn sie helfen wollten, die große Muschel aus dem Riff hervorzuziehen.
„Morgen,“ antwortete kopfnickend der Portugiese. „Jetzt wäre vor Eintritt der Flut keine Zeit mehr!“