Die letzten Tagesstrahlen verschwammen, der Mond stand hell am Himmel, und in seltener Klarheit glänzte das südliche Kreuz. Nichts deutete auf Sturm; vom Leuchtturm grüßte friedlich das rote Licht, der Dampfer gab von Zeit zu Zeit durch einen Kanonenschuß Kunde von seiner Nähe, und auf der Fouqué-Insel brannten Pechfackeln, die der Kapitän vom Schiff herüber bringen ließ. Dennoch aber verbrachten die drei, von der Mitwelt so gänzlich abgeschlossen, eine Nacht, der nur Franz die heitere Seite abzugewinnen wußte. Er hatte gewünscht, sich die Wellen nahe herankommen zu lassen, und er ertrug es lachend, wenn sie ihn mit immer neuen Schauern bis auf die Haut durchnäßten.
Die Nacht auf dem Riff.
„... zuweilen tauchte aus dem Gischt der Kopf des Haifisches plötzlich hervor ...“
Allmählich füllte auch das gleiche buntgestaltige Tierleben des gestrigen Nachmittags wieder alle Risse und Poren. Fußlange Spinnen kletterten an den Armen der jungen Leute hinauf, Krebse und große Hummer segelten vorüber, mehr als einmal erfaßten die Hände Quallen, so daß noch empfindliche Schmerzen zu der Erstarrung und der allgemach eintretenden Mattigkeit hinzukamen. Als die Wogen anfingen schwächer zu werden, da fühlten alle, daß noch eine solche Nacht, solches Alleinsein gewissermaßen auf unsichtbarem Boden inmitten des Ozeans, gleichbedeutend werden müsse mit dem Tode.
Vorsichtig krochen die Verschlagenen, um womöglich das Wasser aus den Stiefeln zu gießen und aus den Kleidern zu ringen, näher an den Rand des Meeres heran. Jetzt konnten sie ja den Schutz der Vertiefung entbehren, die höchsten Wogenkämme reichten kaum noch bis an das Plateau, die Gefahr war vorüber. Aber erst als das Wasser nicht mehr wie eine warme, schützende Decke ihren Körper umgab, fühlten die jungen Leute den Einfluß des kalten Morgenwindes. Schaudernd, von Gänsehaut überlaufen, begrüßten sie die beiden Matrosen, welche im ersten Tagesschein über das Riff geklettert kamen, um auf Befehl des Kapitäns mit vereinten Kräften die Riesenmuschel aus der Versenkung hervorzuheben. Nachdem das Tier entfernt worden, trugen abwechselnd vier Männer die schwere, teuer erkaufte Schale, und noch ehe die Sonne hoch am Himmel stand, langten alle glücklich im Zelt unter dem Leuchtturm wieder an.
Holm streckte zähneklappernd die Hände den Freunden entgegen. „Keine Rührung, Doktor,“ sagte er scherzend, „ein tüchtiges Glas Grog wäre uns in dieser katzenjämmerlichen Verfassung bedeutend mehr von Nutzen.“
Der Kapitän lachte. „Ich dachte mir’s,“ nickte er. „Stoff ist vorhanden. Aber wollen wir denn nicht gleich zum Schiffe zurückkehren?“
„Behüte! erst müssen noch Korallen eingefangen werden.“
Dem stimmte auch Franz bei, und zwar sollte noch während der Ebbe vom großen Boot aus das Schleppnetz in die Tiefe hinabgesenkt werden. Überall schimmerten ja die roten und weißen unterseeischen Bäume durch das Wasser herauf, an einer Stelle hatte Holm sogar die seltene, wenn auch nicht hochgeschätzte schwarze Koralle gesehen, man mußte also die Gelegenheit wahrnehmen und einsammeln, was zu erlangen war.