„Dann vielleicht häuserhoch, — das läßt sich nicht bestimmen.“

Der Knabe flog die Treppen hinunter zu den beiden anderen. Sein verstörtes Gesicht sprach deutlicher als alle Worte, nur einzeln kamen die Silben von seinen bleichen Lippen. „Franz und — Karl — müssen ertrinken.“

Das Entsetzen des alten Geistlichen läßt sich nicht beschreiben. Er stieg erst zu den Turmwächtern hinauf und bot vergeblich Summen über Summen, dann ließ er sich an das Schiff bringen und beschwor den Kapitän, doch der drohenden Brandung zu trotzen, aber beides umsonst. Die einen wollten um keine noch so große Belohnung ihr Leben einsetzen, der andere erklärte, daß das Schiff wie eine Nußschale an dem festen Riff zerschellen, aber nie und nimmer bis zu den beiden Bedrängten gelangen werde. „Sie müssen es eben so gut als möglich ertragen,“ fügte er bei, „von einer eigentlichen Gefahr kann noch nicht die Rede sein. Zwei junge, kräftige Burschen werden sich ja doch von den Wellen nicht fortspülen lassen, — sie müssen in eine Rinne treten und sich anklammern.“

„Aber in der Nacht und auf so lange Zeit!“ rief entrüstet der Doktor.

„Es ist heller Mondschein und das schönste Wetter von der Welt, Herr Doktor, — und fünf Stunden schaden den jungen Wagehälsen gar nichts.“

Auch der Steuermann suchte den alten Herrn zu beruhigen, obwohl beide, der Kapitän und er, die Sache durchaus nicht so leicht nahmen, wie es den Anschein hatte. Wenn sich nur der unbedeutendste Sturm erhob, dann war es um die beiden jungen Leute geschehen.

Der Doktor kehrte also in Begleitung des Kapitäns zur Fouqué-Insel zurück, wo sie an das Riff traten und mit den Abgeschnittenen aus der Ferne Grüße wechselten. Aber was war denn das? — Da draußen standen in der Brandung ihrer drei, die hinüber winkten, — Franz schwenkte sogar seinen Strohhut.

Der Doktor stürzte zum Zelt. Sollte auch Hans — —

Aber nein, der fand sich zum Glück noch vor. Es war Rua-Roa, den nichts hatte bewegen können, seinen Freund in der Not zu verlassen. Er raffte zwei mit Haken versehene Eisenstangen welche vom Schiff mitgebracht worden waren, an sich und ging hinaus, der schäumenden, tosenden Flut nicht achtend. Der ganze Damm stand bereits unter Wasser, die Unterscheidungsgrenze für den festen Boden und das eigentliche Meer war bei jedem neuen Anprall der Brandung völlig verwischt, aber der Malagasche ließ sich nicht einschüchtern. In den kurzen Pausen drang er behende wie ein Vogel über die Klippen vor, und sobald eine neue Woge gleich einem anrückenden weißglänzenden Berge dahergerollt kam, warf er sich auf die Kniee, während unter dem Druck seiner beiden muskulösen Arme die Eisenhaken sich tief in den Klüften des Gesteins festklammerten. Nur Schritt um Schritt gelangte er auf diese Weise vorwärts, mit steter Todesgefahr ringend, mehr als einmal halb erstickt, genötigt erst liegen zu bleiben und Atem zu schöpfen, aber doch endlich ans Ziel kommend und im stande, mit strahlendem Blick und einem Lächeln innigster Freude den beiden Weißen ein Tuch voll Lebensmittel zu überreichen, das er sich um den Hals gebunden hatte, und dessen Inhalt, zwar stark durchnäßt, sonst aber doch genießbar, für die bevorstehende Geduldprobe wenigstens einige Stärkung verhieß.

Was hatte er denn eigentlich mitgebracht. Franz sah nach. Ein tüchtiges Stück Schinken, einige Schiffszwiebäcke und ein Dutzend Orangen, das ging ja an; besonders die Früchte waren willkommen, denn sie löschten den Durst, der sich bekanntlich bei jeder Aufregung bis zur Qual steigert. Franz schwenkte wieder den Hut. Zwar lief das Wasser jetzt schon von oben in die Seestiefel hinein, aber es war ja nicht kalt, die Sache ließ sich ertragen. Wenn so eine Welle heranbrauste, dann fand sie die drei Genossen vereint in der Vertiefung, welche sich die große Muschel zum Wohnsitz erwählt, und wo sie nun allerdings fürs erste in Sicherheit war. Zum Überfluß wurden noch die schweren Eisenstangen befestigt, und dann galt es nur mehr geduldig auszuharren. Bei manchen Stößen ging das Wasser bis an den Hals; zuweilen tauchte aus dem Gischt der Kopf des Haifisches plötzlich hervor, die mordlustigen Augen sahen in gleicher Höhe mit denen der jungen Leute zu ihnen hinüber, der Schwanz peitschte voll wütender Ungeduld das Wasser, die nächste Minute aber zwang den Raubgesellen, doch mit der fallenden Woge wieder zurückzusinken in das tiefere Meer. Sein Instinkt warnte ihn, sich auf das zackige, todbringende Riff hinaufzuwagen.