„Und wie die Dinger anschwellen! sie saugen uns leer, wenn wir es gestatten.“
Die ganze kleine Gesellschaft machte sich auf und trug Lebensmittel und Gepäck zum Flußufer, wo Holm den Boden, nachdem er ihn untersucht hatte, für frei erklärte. Und dann umspülte das frische Wasser die brennenden Hautwunden, während jedesmal drei von den Männern Wache hielten, und drei die festgeklammerten Egel zum Ertrinken zwangen. Das war ein Aderlaß in aller Form, sogar die Hemden mußten gewaschen und zum Trocknen auf die nächsten Büsche gehängt werden; dennoch erregte das kleine Abenteuer auch allgemeine Heiterkeit, es bildete den Anfang zu neuen Erlebnissen; daher mußte es mit in den Kauf genommen werden, wenn selbst ein wenig Blut geflossen war.
An den Ufern zeigten sich scharenweise die schönen roten Flamingos; Hasen eilten mit den bekannten langen Sätzen über das Flachland dahin, weiße Kakadus wiegten sich auf den Palmen, überall lagen Kokosnüsse reif am Boden, Pfefferpflanzen kletterten von Stamm zu Stamm. Undurchdringliche Dickichte zwangen die Wanderer zum Umkehren. Hierher mochten nur selten Menschen gekommen sein, keine Spur eines Weges ließ sich erkennen, nichts deutete auf die Nähe einer Ansiedelung, mehr als einmal dagegen drang das ferne Brüllen des Tigers zu den Ohren der Weißen, oder stampfte im Galopp eine Büffelherde vorüber, aufgescheucht durch das Erscheinen menschlicher Wesen in ihren Weidegebieten, Hunderte an der Zahl, ziemlich klein und gedrungen, aber von wildem, bösartigem Aussehen. Die Jäger gingen solchen herankommenden Herden aus dem Wege, um nicht angegriffen zu werden; einen der Nachzügler aber schossen sie aus dem Hinterhalt und schnitten einen tüchtigen Braten ab, der abends am mitgebrachten Spieß geröstet werden sollte.
An einer passenden Stelle, wo überhängende Zweige ein dichtes Dach bildeten, wo eine Quelle sprudelte und der Rücken durch eine Felswand gedeckt war, wurde Halt gemacht. Zelte von Leinen, bequem und ohne Regelmäßigkeit zwischen den Bäumen ausgespannt, ein von Kriechtieren gesäuberter Boden und ein paar Wolldecken gaben unter dem milden Himmel ein prächtiges Nachtlager, während vor den Zelten ein Feuer hell und behaglich aufloderte. Das Büffelfleisch wurde am Spieße gebraten, frische Früchte gepflückt und dann ein Nachtessen eingenommen, so köstlich wie nur Jäger im grünen Walde es kennen. Der Rücken war gedeckt, ein feindlicher Angriff nicht möglich, ohne im voraus bemerkt zu werden; das Wetter hatte sich von heißer Mittagsglut zu linder Wärme herabgestimmt, Mücken spielten in der klaren Luft, und auf den Zweigen saßen große, rote Papageien, die neugierig mit schiefgehaltenen Köpfen herabsahen. Jene große Gattung, deren Rücken in Purpur und Blau schimmert, wechselte mit dem schneeweißen Kakadu und dem kleineren, rosa überhauchten Verwandten; Gesellschaftsvögel flatterten dazwischen, und auch den schönen Nashornvogel von der Westküste Afrikas sahen die Reisenden hier wieder. Nur die Affen fehlten, und dadurch ging ein großer Teil der sonst gewohnten Unterhaltung verloren.
Franz und ein Matrose hatten den ersten Teil der Nachtwache übernommen, die anderen schliefen in den Zelten. Fast Tageshelle lag auf der Umgebung, in weitem Blau schimmerten die Sterne, lächelnd sah der Vollmond herab auf das farbenprangende Landschaftsbild; leise flüsternd unterhielten sich der Matrose und der Knabe von Hamburg, ihrer beiderseitigen Heimat, — da knisterte es seitwärts in den Zweigen, so daß die Aufmerksamkeit der jungen Leute erregt wurde. Was würden sie sehen? — Einen Tiger? — Wilde? —
Aber nein. Es waren die zierlichen, schöngefleckten Axishirsche, welche hier in ganzen Trupps an die Quelle kamen, um zu trinken. Schlank wie Rehe, mit großen sprechenden Augen, das Geweih zurückgeworfen, zeigten sie sich dem überraschten Blick, ebensowenig furchtsam wie die Papageien, ebensowenig gewöhnt, Menschen in ihren Wäldern zu sehen wie diese. Fast bis auf sechs oder zehn Schritte kamen sie heran, kleine Kälbchen liefen neben den Müttern, ein Bock mit mächtigem Geweih schien der Anführer des Zuges zu sein.
„Wir wollen nicht schießen, Maat,“ raunte Franz. „Fleisch für morgen ist ja noch genug vorhanden, — es wäre schade um die hübschen Tiere.“
„Hm, hm, junger Herr, da ist nur eins zu bedenken!“
„Und das wäre?“ forschte der Knabe.
„Wenn nun diese Stelle hier am Wasser ein Trinkplatz ist? Wenn noch mehr und vielleicht nicht so harmlose Tiere herkämen?“