Da keine Pferde zu haben waren, marschierte der kleine Zug auf Schusters Rappen in die grüne Wildnis hinein. Jeder Mann hatte seine Wolldecke, seinen Leinensack mit Lebensmitteln, Korbflasche, Pulverhorn, Schrotbeutel und Messer bei sich, und war außerdem mit mancherlei Kleinigkeiten zum Verschenken, mit etwas Branntwein und ein paar kleinen Taschenpistolen, sowie mit Feuerzeug und Wachskerzen versehen. Der Doktor, Holm, zwei Matrosen, die Knaben und Rua-Roa bildeten einen wohlausgerüsteten Entdeckungszug. Sie wollten womöglich die Insel quer durchschneiden, zuerst das Tiefland kennen lernen und dann die Gebirgspartie. Etwa vier bis sechs Wochen waren für diese Reise in Aussicht genommen.
Schon gleich nachdem die ersten tausend Schritte zurückgelegt, entfaltete sich das bunteste, einheimische Tierleben. Auf den unscheinbaren Blüten der Zimtpflanze wiegten sich große, ganz weiße Schmetterlinge; Papageien und Nashornvögel bevölkerten das Dickicht, schlanke Genettkatzen glitten wie Schatten in einiger Entfernung vorüber, und Stachelschweine in beträchtlicher Anzahl lagen faul zusammengerollt unter Blumen. Es waren dies die echten, in Deutschland fehlenden mit den schöngefärbten, großen Stacheln, die auch in allen Häfen der Insel von den Eingebornen zum Verkauf ausgeboten werden; unsere Freunde töteten daher sogleich zwei der schönsten Exemplare, um sich ihrer Stacheln zu bemächtigen; die Jagd nahm so recht frei und unbeschränkt wieder ihren Anfang; alle Herzen schlugen froher, die Gefahr schärfte alle Sinne und lockte mit geheimnisvollem Zauber.
Es ist äußerst angenehm, sich nach bestandenem Abenteuer schwelgend in Sicherheit und Fülle aller Naturreize ausruhen zu dürfen, aber dennoch hat auch der Kampf um neue Güter, neue Genüsse sein unendlich Verführerisches. Wer nichts einsetzt, der kennt auch nicht das Hochgefühl des Sieges, wer nicht mit Mühe errang, der erfährt nie die echte Freude des Besitzes. —
Auf jedem Schritt wurden Schätze entdeckt, und als man sich zum ersten, durch manche frischgepflückte Frucht noch verschönerten Mahl ins Grüne setzte, da schmeckte allen die gewohnte derbe Schiffskost wie etwas ausgesucht Feines. Würziger Hauch wehte über all diese Blütenpracht dahin, Vögel sangen in den Zweigen und große Käfer schlüpften durch das Gras. „Nur entsetzlich viel kriechende Tiere scheint es zu geben,“ meinte Franz, „ich fühle das Krabbeln am ganzen Körper.“
„Ich auch!“ rief der Doktor. „Aber merkwürdig, in der Luft fliegt nichts.“
„Die Bestien stechen!“ mischten sich jetzt zugleich Holm und Hans in diese delikate Unterhaltung. „Ich glaube, auf meinem Rücken allein sitzt ein ganzes Schock.“
Rua-Roa griff unter die weiten Falten seiner Leinenjacke und brachte dann die fünf Finger ziemlich durchnäßt wieder hervor. „Blut!“ sagte er voll Erstaunen.
Alle andern waren bereits beschäftigt, Stiefel und Röcke abzuwerfen; das Brennen in der Haut wurde unerträglich, das Krabbeln wie von tausend kleinen Füßchen reizte ärger als der stärkste Schmerz. Nachdem Franz die Schulter entblößt, zeigten sich nicht weniger als Hunderte von ganz dünnen, an Größe einer länglichen Wanze gleichenden, schwarzbraunen Würmern; alle diese häßlichen Geschöpfe hingen am Körper des Knaben wie — Blutegel! was sie thatsächlich auch waren. Sobald einer gewaltsam entfernt wurde, quoll das Blut aus der Wunde.
Holm lachte. „Rückwärts! Rückwärts, Don Rodrigo!“ rief er lustig, „hier heißt es Fersengeld geben, hier hilft nur das Hasenpanier zum Siege. Nehmt alles, was wir besitzen, und laßt uns aus dem Gebiet der Sandegel so schnell als nur möglich dort hinab an das Ufer flüchten. Die schwarzen Gesellen leben, wo sie einmal sind, zu Myriaden, abschütteln kann man sie nicht.“
„Am besten ist es, wir baden uns,“ rief Franz. „Das Brennen macht ganz ungeduldig.“