„Rufe deine Freunde, Tippoo,“ wandte sich Holm an den Häuptling, nachdem er dessen Namen erfahren und seinen Rang kennen gelernt hatte. „Weshalb sind die Leute so scheu?“

Der Singhalese schüttelte den Kopf. „Diese Männer sind meine Sklaven, Sahib, sie dürfen nicht sitzen, so lange ich gegenwärtig bin, sie können auch das Mahl nicht mit mir teilen und dürfen nur antworten, wenn ich frage.“

Der Doktor näherte sich dem Häuptling. „Aber du gestattest heute einmal eine Ausnahme, nicht wahr, mein werter Tippoo?“ fragte er. „Diese Armen, die du Sklaven nennst, sind nicht minder Gottes Geschöpfe wie du selbst, überhaupt kann nie ein Mensch dem anderen wie eine Sache oder ein Tier gehören.“

„Gewiß, Sahib, diese Leute gehören mir! Ihre Väter haben meinem Vater gehört und ihre Söhne werden meinen Söhnen gehören.“

„Und da ist kein Freikaufen, keine Erlösung möglich? Das Kind des Sklaven wird unter allen Umständen wieder ein Sklave?“

„Natürlich. Habt ihr nicht im Abendlande auch Häuptlinge, Freie und Sklaven?“

Der Doktor schüttelte energisch den Kopf. „Sklaven nirgends, Freund Tippoo, nirgends, ich gebe dir mein Wort darauf. Und nun gestatte, daß deine Diener hieherkommen.“

Aber das war vergebliche Mühe, der stolze Singhalese blieb unerbittlich; er schien es gar nicht als möglich zu betrachten, daß sich seine Sklaven dem Umkreise des Feuers nähern könnten. Zur Jagd auf Felle und junge Tiere nahm er sie mit sich, aber doch nur ihrer Dienste wegen, nicht als Gefährten. Und ganz wie er dachten auch die anderen braunen oder olivenfarbigen Söhne der Wildnis. An keinem europäischen Hofstaat konnten die Klassengegensätze und der Adelsstolz stärker entwickelt erscheinen als hier im grünen von Tigern und Elefanten bewohnten ceylonischen Walde. Die Singhalesen erwiesen sich höflich, zuvorkommend und bescheiden, sie erboten sich zu Führern und luden die Fremden ein, bei ihnen im Dorfe zu wohnen, aber um keinen Preis hätten sie vermocht werden können, von dem gebratenen Ziegenfleisch auch nur einen Bissen zu genießen. Schaudernd lehnten sie ab, was ihnen angeboten wurde, und nahmen nur von einer Art aus Maniokmehl bereitetem, platten Kuchen, den die Sklaven ihnen in große Blätter gewickelt nachtrugen. Das Fleischessen sei von ihren Priestern strenge verboten, erklärte Tippoo, kein Anhänger der buddhistischen Religion dürfe es genießen, eben so wenig berauschende Getränke.

Diese Ansicht wurde natürlich von den Weißen durchaus respektiert; weniger zufrieden waren sie, als der Singhalese auch das Pflücken der Feigen, insoweit es den heiligen Bobaum betraf, mit der diesen sauberen, hübschen Leuten eigenen gebietenden Hoheit ohne weiteres untersagte. „Wenn ihr unsere Gäste sein und friedlich unter unserem Volke leben wollt,“ sagte er, „so heißen wir euch willkommen in Singhala (so nennen die Eingebornen ihre Insel) und laden euch ein, unsere Hütten zu teilen, aber den Sitten des Landes müßt ihr euch fügen und vor allem unsere Götter ehren. Pflückt Feigen, wo ihr wollt, meine Sklaven sollen euch die schönsten zu Füßen legen, aber berührt nicht den Baum Buddhas.“

Das wurde versprochen und den Knaben eingeschärft, unter keiner Bedingung heimlich von der verbotenen Frucht zu naschen; dann kam auf die Bitte, welche Hans seinem Lehrer zuflüsterte, die Angelegenheit der verlassenen kleinen Tiger zur Sprache. Tippoo kannte den bezeichneten Ort, und zwei Sklaven machten sich auf, um die beiden jungen Raubgesellen herbeizuholen. Einige Wochen älter waren sie in Galle oder Trincomali doch immer ihre hundert Thaler wert.