Nachdem man gegessen und getrunken, mußten die Sklaven das Gepäck schultern und dann wurde der Weg zum Dorfe angetreten. Diese Gegend lag noch weit von dem eigentlichen Ziel der Reise entfernt; die Singhalesen konnten nicht wohl Wilde genannt werden, sie betrugen sich höchst anständig und hatten gutgearbeitete Waffen; zum Lande der schwarzen Veddas aber waren sie gewiß die tauglichsten Führer. Tippoo selbst wollte den Weg zeigen, d. h. wenn die Weißen gut bezahlten, es schien als habe der braune Heide die Rechenkunst sehr sorgfältig studiert. „Die Veddas sind schmutzige Gesellen,“ berichtete er, „sie essen jedes Tier, das ihnen in den Wurf kommt, zuweilen sogar roh, und wohnen wie die Sklaven auf ebener Erde.“
Franz sah ihn an. „Wohnen denn die Singhalesen — etwa auf den Bäumen?“ fragte er belustigt.
„Gewiß, die Vornehmen, die Vellalahs wohnen auf Bäumen!“
„Mit Kind und Kegel, mit Küche und Haustieren? — Nicht möglich!“
„Die Tiere haben ihre Ställe am Boden,“ berichtigte der Braune, „auch gekocht wird vor der Hütte. Aber du sollst gleich unser Dorf sehen, Fremder.“
Noch eine kurze Strecke wurde zurückgelegt, dann ertönte von den Lippen der Weißen wie auf Verabredung ein allgemeines „Ah!“ der höchsten Überraschung. Es war ein lachend schönes, ländliches Gemälde, das sich jetzt auf freier Hochebene dem erstaunten Blick entrollte. Weite Äcker, wohlgepflegt und umzäunt, dehnten sich fast unübersehbar, Kaffee und Zimt, Mais und Maniok, dazwischen Erbsen, Bohnen, Lupinen und Beerenfrüchte in Menge, so drängte sich Schattierung an Schattierung, so lockte es von hundert Punkten zugleich das Auge. Das Seltsamste aber waren in diesem Singhalesendorf die Häuser selbst. In Entfernungen von etwa fünfzig Schritten standen alte, weitästige, mit ungeheuren Stämmen versehene Bäume, meistens Tamarinden oder Brotbäume, und in jedem dieser Riesen hing gleich einem Vogelnest auf den untersten Zweigen eine menschliche, aus Bambusstäben luftig geflochtene Wohnung. Die Äste waren derart behauen und eingerichtet, daß sie Raum in Fülle boten, die abgeschnittenen, biegsamen Stäbe hatte man sinnreich und geschickt an allen Ecken mit den lebenden verbunden, das ganze Haus bog sich wie der Baum selbst nach jedem Windstoß, so daß es nie von der Wucht desselben herabgeschleudert werden konnte; es hatte Fensteröffnungen nach allen Seiten, obgleich freilich die Glasscheiben fehlten, und eine mit einem Mattenvorhang versehene Thür. Das spitze Dach war von Rankengewächsen und Blumen vollständig überwuchert, rauschende Zweige schlugen über dem Giebel zusammen, bunte Papageien wiegten sich im Laube, Singvögel schmetterten ihre Lieder. Es konnte nichts Reizenderes geben als diese laubenartigen, von paradiesischer Schönheit rings umfluteten Wohnungen, zu denen starke Strickleitern aus selbstgebautem Hanf hinaufführten. So unsolide und gewagt die Sache auf den ersten Augenblick scheinen mochte, so zweckmäßig erwies sie sich bei näherer Betrachtung. Wenn abends diese Strickleiter von den Bewohnern heraufgezogen wurde, dann gab es weder für Menschen noch für Tiere ein Mittel den Zutritt zu erzwingen.
Rings im weiten Kreise umgab jeden Baum eine Einzäunung von Bambusstäben, diesem unentbehrlichsten aller Lebensbedürfnisse des Tropenbewohners, eine dichte, grüne, lebende Hecke, die das Notwendige fortwährend ergänzte, wo Baumaterial, Stacketpfähle, Wasserbehälter, Dosen und hundert andere Geräte lustig in immer grüner Fülle aufschossen als schlanke Zweige, die sich unter den Händen der Eingebornen so vielfach verwandelten und umgestalteten. An die Hecke lehnten sich Ställe für Ziegen und Hühner als die einzigen bekannten Haustiere, und weiterhin in größerer Entfernung von dem Stamm selbst lagen die Hütten der Sklaven, alles Bambusgeflechte wie das Haus oben in den Zweigen. Vor der Thür so zu sagen, d. h. am Fuße des Wohnungsbaumes, lagen Steine und Trümmer aus den Waldruinen als Herd aufgeschichtet; ein großer platter Stein zum Zerquetschen des Getreides befand sich daneben und am Dreispitz von Eisen hing ein Kochgeschirr aus demselben Metall.
Ziemlich durch die Mitte der Niederlassung floß ein klarer Quell, und auch hier beschattete ein alter, weitästiger Bobaum einen Tempel Buddhas, einen Dagop, wie ihn die Eingebornen nannten. Der Altar hatte Kugelgestalt, war inwendig hohl, um die geheiligten Schriften der Priester aufzunehmen und trug auf der oberen Fläche eine zilinderförmige Erhöhung. Des Priesters Hütte befand sich in den Zweigen des heiligen Baumes, und der Bewohner selbst saß in der offenen Thür, ein Greis mit weißem Haar und lang bis auf die Füße herabwallendem weißen Gewande. Er grüßte mild und freundlich wie ein Vater seine heimkehrenden Kinder, und alle erwiderten den Gruß. Das ganze Dorf in den Lüften machte einen höchst angenehmen, wohlthuenden Eindruck.
Tippoo öffnete die Thür einer der größeren, im Augenblick leerstehenden Sklavenwohnungen. „Ich weiß, daß euer Volk keine Schmach darin sieht, auf plattem Boden zu schlafen,“ sagte er, „richtet euch darum häuslich ein, damit ihr ungestört und ungehindert euren Neigungen nachleben könnt. Maniokkuchen und Früchte bringen euch meine Sklaven; wollt ihr aber Fleisch essen, so müßt ihr selbst die Tiere erlegen und zubereiten. Mein Haus betrachtet wie das eure.“
Damit entfernte er sich und ließ seine Gäste allein. Die Hütte welche sie jetzt bewohnten, war noch luftiger als das Staatsgefängnis auf Madagaskar, frisches, duftiges Moos bildete, von den Sklaven herbeigebracht, die Lagerstatt; eine lange Bambusröhre diente als Wasserbehälter, und die Speisen wurden in einem Winkel auf den Fußboden geschüttet. Natürlicher, paradiesischer konnte das Dasein nicht gedacht werden, schöner die Umgebung, reiner die Luft nirgends auf Erden sein. Der Thürvorhang wurde zurückgeschoben, die leinenen Kleider mit frischen vertauscht und dann das Dorf und das Haus des gastfreien Häuptlings in Augenschein genommen. Franz kletterte zuerst hinein. „Ich bitte euch,“ rief er, „folgt nicht alle zugleich; wenn der Käfig niederbräche, wären wir verloren.“