Holm kletterte nach, die anderen setzten ihren Spaziergang fort, und die beiden Matrosen wuschen unterhalb des Dorfes im Bache das Leinenzeug, wobei ihnen hübsche Sklavenfrauen nicht allein halfen, sondern auch eine selbstverfertigte, sehr gute Seife brachten. Die Unterhaltung der Hamburger Teerjacken mit den neugierigen, schwatzhaften Singhalesinnen gestaltete sich höchst lustig, so daß das beiderseitige heitere Lachen über den freien Platz dahinschallte; unterdessen spielten oben im Baume der junge Gelehrte und Franz bei der Gemahlin Tippoos die galanten Kavaliere. Sie setzten sich nicht ohne einige heimliche Besorgnisse auf den Fußboden, der so neidlos den Durchblick freigab, und ertrugen auch nicht ganz ohne Schmerzen die Abwesenheit jeglicher Stühle oder Polster, aber die Anstandsvisite bei der holdlächelnden, mit prachtvollen Zähnen und vielen aus Muscheln geflochtenen Verzierungen geschmückten Dame ging doch in aller Form vorüber, obwohl Frau Häuptling Tippoo kein Wort englisch und unsere Freunde wiederum kein Wort singhalesisch sprachen, sondern beide Teile einander nur eine Zeitlang entgegenlächelten und von seiten der Herren ein kleiner Spiegel, von seiten der Dame einige besonders schöne Muscheln, Meerhörner, Lazarusklappen und Wendeltreppen als Geschenke ausgetauscht wurden. Späterhin, nachdem der Doktor und Hans die gleiche Höflichkeitspflicht erfüllt, versammelten sich vor dem Schlafengehen alle neben dem Baume und hielten gemütlich im Grase liegend noch ein abendliches Plauderstündchen, wobei Tippoo von den buddhistischen Göttern erzählte und seinerseits aufmerksam zuhörte, als die Fremden von europäischen Einrichtungen sprachen. Ganz zuletzt kamen die beiden Sklaven mit den aufgefundenen Jungen der Tigerin nach Hause, und nun erwachte erst die Freude der Knaben. Aus dem Stall wurde eine der schönen, seidenlockigen malabarischen Ziegen hervorgeholt und ihr die kleinen halbverschmachteten, nur noch schwach wimmernden Raubtiere an die mütterlichen Euter gelegt, — aber das Experiment gelang nicht so ohne weiteres. Die Ziege sprang, so bald sie den Erbfeind gewahrte, auf die Hinterbeine, senkte den schöngeformten Kopf wie zum Angriff und schien entschlossen, den labenden Quell, welcher ihrem lustig herumspringenden Böckchen gehörte, gegen jedweden Angriff zu verteidigen; erst die gütlichen Zureden ihres Wärters und vielleicht das jammervolle Klagen der hungernden Tierchen, dem sie offenbar lauschte, bewogen die Ziegenmama, diesmal ein übriges zu thun. Ein Blick auf die gefüllten Vorratskammern mochte ihr sagen, daß für das impertinente, streitlustige Böckchen jedenfalls noch genug übrig sei, und so legte sie sich denn großmütig in das Gras, es den Tigern überlassend, sich am Quell zur Sättigung zu verhelfen. Ja, nachdem die Halbverdursteten herzhaft zugegriffen, erwachte sogar in der friedfertigen Amme das mütterliche Erbarmen mit den hilflosen Säuglingen; sie besah die kleinen, scheckigen Kätzchen, besah sie nochmals und leckte dann gutmütig die Fremden, wie sie es sonst ihren eigenen Kindern that.
Nach einer Viertelstunde waren die kleinen Tiger so rund wie Muffen und schliefen den Schlaf gesunder Sättigung, während ihre Pflegerin mit den großen Augen im Kreise umhersah und der Milchbruder Bock neben den Eindringlingen sich gelagert hatte, um auch seinerseits den Nachttrunk einzunehmen. Franz zeichnete emsig. Von allen besonders schönen und interessanten Augenblicken hatte er sich im Album eine dauernde Erinnerung gesichert, auch dieses Bild sollte darin Platz finden.
Für die Nacht wurde den Tigern noch ein Logis im Ziegenstall angewiesen, wo sie bleiben sollten, bis ihnen Zähne gewachsen und mit diesen die Raubgelüste erwacht wären; dann würde es fortgehn nach Galle und von da nach Europa. — Tippoo zog oben im Baum die Strickleiter ein, vor allen Thüren erschienen die Musselingardinen und das Vogelgezwitscher verstummte; müde von langer Wanderung streckten sich die Weißen auf das Mooslager.
Hier brauchte niemand zu wachen; bis in die Niederlassung hinein wagte sich kein Raubtier. Holm ließ sogar die Thür offen, um der milden, gewürzigen, von tausend Wohlgerüchen durchtränkten Luft Zutritt zu gewähren; bald hatte ein weicher Schlummer seine Sinne umfangen.
So mochten Stunden vergangen sein, der Mond stand hoch am Himmel, alles schwieg und ruhte; nur die Blätter des Bobaumes flüsterten im Wind, — da erwachte der junge Gelehrte, als habe ihn plötzlich jemand gerufen. „Franz,“ sagte er leise, „sprachst du?“
Keine Antwort. Die tiefen Atemzüge des Gefährten verrieten ihren ruhigen Schlaf, — was war es also gewesen?
Holm richtete sich auf und sah in das Helldunkel der Nacht hinaus. Nichts regte sich, kein Schatten deutete auf die Anwesenheit eines lebenden Geschöpfes. Sonderbar! — er begriff nicht, welcher Schall ihn erweckt haben könne, aber er hatte ihn doch deutlich vernommen, wenn auch nur im Halbschlaf und auf Sekunden. Er horchte unruhig.
Lange Zeit blieb alles still, dann aber huschte es wie mit leichten Schritten durch das Geäst des Daches, erst vorsichtig, dann immer dreister und dreister, ein Poltern, Schlurfen und Fallen verriet die nächtlichen Ausflüge der Wanderratte; dennoch aber schien es, als sei diesmal das braune, bissige Nagetier nicht der Jäger, sondern der Gejagte, als werde es verfolgt und aus allen seinen Verstecken herausgescheucht. Plötzlich durchdrang ein Zischlaut die Stille der Nacht, ein Quietschen wie in Todesangst folgte, das leise Wimmern erstarb schnell.
Mit einem Sprung war Holm auf den Füßen, das Streichholz knisterte und die Flamme der Wachskerze beleuchtete den Boden. Da lag tot eine große, braune Wanderratte und in Ringeln hatte sich um ihren Körper eine stahlblaue Natter geschlungen. Die lange spitze Zunge trat lüstern aus dem Munde hervor, die gelbe Krone richtete sich auf, und ein Zischen bekundete den Ärger über die plötzliche Störung. Noch ehe Holm überlegte, was er that, hatte sein Fuß die Schlange zertreten.
Aber damit war nichts gewonnen. Er hielt die Wachskerze hoch empor und beleuchtete das Holzwerk des Daches. Von mehr als zehn Stämmen hingen die Schlangen herab, aus jeder Ecke leuchteten ihre gelben Kronen, eine fiel und lief ihm kalt und glatt über die Hand, daß er schauderte. „Franz!“ rief er halblaut, „Franz, wach auf!“