„Beißen euch auch diese nicht?“ war die Gegenfrage.
„Sehr selten. Wir lassen sie in Ruhe.“
„Dann habt ihr aber einen Zauberer, der sie und die Nattern beschwört?“
Ein allgemeines Kopfnicken war die Antwort. „Natürlich, einen Zauberer hat jedes Dorf.“
Holm wandte sich lächelnd zu dem jungen Malagaschen. „Hier vereinbart man sich gütlich mit den giftigsten Reptilien,“ sagte er, „und in deiner Heimat sind die Krokodile der oberste Gerichtshof, — wie findest du das, Freund Rua-Roa?“
Der ehemalige Sklave sah verlegen zu Boden. „Ich bin doch jetzt kein Wilder mehr!“ antwortete er halblaut. „Ich mag auch den heidnischen Namen nicht länger hören, Herr, — du könntest mich wohl schon Rudolf nennen, als wäre ich bereits getauft.“
Holm und der Doktor wechselten einen Blick. „Ich dachte mir’s,“ nickte der Gelehrte. „Wenn er die kindischen Anschauungen anderer Wilder sieht, wird er den Unwert seiner eigenen erkennen lernen.“
„An die Arbeit!“ setzte er in ermunterndem Tone hinzu. „Unsere Hängematten gewähren uns jedenfalls den besten Schutz gegen das Ungeziefer.“
Die Zeltleinen wurden doppelt genommen und von den Matrosen in wenigen Augenblicken ausgespannt. Da oben schwebend an ein paar starken Ästen konnten die Reisenden höchstens den Besuch eines neugierigen Eichhörnchens, vielleicht einer Papageienfamilie oder einer großen Eule erwarten, aber die Schlangen verstiegen sich nicht dahin und die Skorpione auch nicht.
Als alles rund umher still geworden war, tönte wieder aus dem Innern der alten Holzdächer jenes Rumoren und Poltern der Ratten, das Zischen und Todesgeschrei. Holm schlief nicht mehr, so unangenehm hatte ihn die Nähe der Schlangen berührt; er war froh, als der Morgen heranbrach und die Jagd wieder beginnen konnte. Heute sollten die Fremden mit einigen Betriebsarten der Eingebornen bekannt werden; man zeigte ihnen, wie aus dem Saft der Palmyrapalme ein höchst wohlschmeckender Sirup gewonnen wurde und wie die Maniokwurzeln sich zwischen Reibeisen in Mehl verwandelten. Den Kaffee, obwohl sie ihn bauen, trinken die Singhalesen nicht, sondern meistens Kokos- oder Ziegenmilch. Unter den Hühnern, die in reicher Fülle vorhanden waren, zeichnete sich das Purpurhuhn durch seine auffallende Schönheit am meisten aus. Ganz schwarz mit drei vom Kopf über den Hals herablaufenden Purpurstreifen, zu denen bei dem Hahne noch ein Flügelsaum von gleicher Farbe hinzukam, war das Tier etwas größer als seine gemeineren Verwandten, dafür aber keineswegs so friedlich wie diese, sondern dermaßen streitlustig, daß es den Fremden nachlief und zum Ergötzen der Knaben erbittert in die Stiefel hackte. Der schönste Anblick aber wurde unseren Freunden zu teil, als sie in früher Morgenstunde rings um die Felder gingen und nun einem eifrig speisenden Volk wilder Pfauen begegneten. Diamanten gleich erglänzten im Sonnenlichte die Augen auf den entfalteten Rädern der Männchen, Blau und Rot und strahlendes Gelb wechselten mit dunkleren Farbentönen, während die jungen Tiere noch ein einförmigeres Grau zeigten. Einzelne alte Hähne hatten eine wahrhaft bewunderungswürdige Größe erreicht.