„Wir wollen kein Tier schießen,“ meinte Holm, „sondern lieber für den Zoologischen Garten ein junges Pärchen mitnehmen und dann vom nächsten Hafen nach Hause schicken. Es ist übrigens jammerschade, wie die Felder durch diese Tiere geplündert werden, ich glaube, man macht hier die Geschöpfe so dreist, weil kein Fleisch in den Topf kommt.“

„Was kriecht da?“ rief Rua-Roa, halb im Begriff, die Flucht zu ergreifen, halb zögernd in der Furcht, sich lächerlich zu machen. „Ein Ungeheuer, Franz, ein Ungeheuer!“

Und dabei überwältigte ihn das Entsetzen. Mit zwei Sprüngen war er auf dem nächsten Baum, in diesem Augenblick ganz Wilder, katzengleich an den Zweigen hängend, für jeden Körperteil mit erstaunlicher Gewandtheit Schutz findend. „Franz, Franz, es kommt hierher!“

Die übrigen suchten mit den Augen, dann legte Holm den Finger auf die Lippen und machte lachend dem Malagaschen im Baum eine Faust. Die ausgestreckte Hand zeigte allen, was sich so Greuliches da heranschlich, und sofort begriffen auch die Weißen, weshalb vollkommene Stille geboten war. Die vier Paar lachender Augen, welche den geflüchteten jungen Burschen ansahen, trieben diesem das Blut heiß ins Gesicht, jetzt durfte er ja aber nicht sprechen und hing also mit trübseliger Miene stumm da oben im alten Feigenbaum.

Der Drache, den er gesehen, kam indessen schwerfällig herangewatschelt und zeigte sich als eine harmlose, aber riesige Schildkröte. Das große Tier verfolgte seinen Weg bis zu dem Schatten eines dichten Gebüsches und fing hier an, mit den Hinterfüßen ein Loch von mehr als einem halben Meter Tiefe zu scharren, indem es die Erde hinter sich aufwarf. Alle vier Zuschauer verfolgten lautlos die Arbeit der Kröte, Rua-Roa hinter seinem Schutzwall duftender Feigen that das Gleiche, aber heimlich stieg bei diesem Anblick seine Furcht nur noch immer mehr. Ganz gewiß vollzog sich hier ein schlimmer Zauber, vielleicht grub sogar das boshafte Tier ein Grab, in das es die Fremden stürzen wollte, und diese Unseligen, Verblendeten sahen zu, ohne sich zu verteidigen, ohne rechtzeitig die Flucht zu ergreifen! Rua-Roa telegraphierte mit Händen und Füßen, um sie zu warnen, aber ganz vergeblich; die Tolldreisten lachten ihn aus, ja, sobald er es wagte, ein halblautes Wort zu sprechen, erhoben sie drohende Finger, — er mußte das Ärgste geschehen lassen.

Die Schildkröte hatte mittlerweile ihre Arbeit beendet, sie saß jetzt ganz still und hielt, nachdem sie einen kleinen Schritt zurückgetreten, den Hinterkörper etwas geduckt, — das Zauberwerk mußte nach des Malagaschen Ansicht nun unmittelbar beginnen.

Und was that in diesem Augenblick der tollkühne Franz? — Rua-Roa traute seinen Sinnen nicht. Er sprang mit einem plötzlichen, gewaltigen Satz auf den Rücken der Schildkröte und stand dort wie ein Sieger, den anderen in deutscher Sprache einige Worte zurufend, die der Malagasche nicht verstand. Was nun? das war zu arg. Alles Blut des jungen Menschen drängte zum Herzen, unmöglich konnte er seinen Freund, seinen Bruder in solcher Lage allein lassen. Und wie ein Ball plumpste Rua-Roa ohne alle Rücksichten auf Knochenbrüche und Verrenkungen vom Baum herunter, todesverachtend sprang er neben Franz auf den Rücken der nun gänzlich wehrlos gewordenen Kröte und sah die anderen an, als wollte er sagen: „Ist’s so recht?“ —

Ein schallendes Gelächter schlug sämtliche benachbarte Vögel in die Flucht. „Arm in Arm mit dir, so fordre ich mein Jahrhundert in die Schranken!“ rief Holm. — „Paß auf, tapferer Geselle, wie ich nun dem Erzfeind den Garaus machen werde.“

Er nahm vom Gürtel das kleine, scharfe Handbeil, welches alle vier der zahllosen Hindernisse wegen immer bei sich zu tragen pflegten, und trennte mit einem kräftigen Hieb den vorgestreckten, dünnen Hals der Schildkröte vom Rumpf. Das Blut schoß wie aus einem Springbrunnen hervor, die Füße streckten sich, und das große Tier war tot.

Franz sprang herab, der Malagasche war noch immer zu erschrocken, um ihm gleich folgen zu können; erst als ihn die anderen riefen, trat auch er auf den Sand. „Ein steinernes Geschöpf, das sich bewegt und Blut enthält wie ein lebendes Wesen,“ sagte er ganz fassungslos.