Er wußte, daß dieses Volk die Wurfspieße nicht vergiftete, und vertraute darauf, daß die Feuerwaffen den Sieg bringen mußten; er beruhigte sich also mehr und mehr und vermochte das unbehagliche Gefühl, welches ihn überschlichen hatte, den Knaben gänzlich zu verbergen.

Während des ganzen Tages herrschte drückende Hitze, die sich gegen Abend in einem Gewitter entlud. Der Häuptling hatte auf kürzestem Wege eine ihm bekannte Stelle erreicht, wo sich Felspässe in- und durcheinander schoben, hier eine glatte Mauer den Pfad versperrte, dort eine Höhle das Nachtdunkel ihrer weiten Öffnung den Wanderern unheimlich darbot. Er lächelte grimmig, als im Dämmerlicht des scheidenden Tages die wildromantische Gegend vor seinen Blicken auftauchte. „Das ist Singhalesengebiet,“ sagte er, „die Schwarzen kennen es vielleicht gar nicht, aber auch selbst wenn sie bereits hier waren, fehlt ihnen doch jedenfalls nähere Kundschaft über die Örtlichkeit. Sie sollen alle mit dem Tode zahlen.“

Er ordnete nun, den Oberbefehl wie selbstverständlich an sich nehmend, zunächst an, daß keine Zelte oder Hängematten aufgeschlagen würden, daß auch kein Feuer brenne, vielmehr jeder einzelne Mann, so gut er es vermöge, mit Waffen und Kleidern auf dem nackten Erdboden schlafen und mit kalter Kost fürlieb nehmen solle. „Unserer sind alles in allem vierzig,“ setzte er hinzu, „der Schwarzen aber vielleicht zweihundert, es ist daher Vorsicht durchaus geboten. Komm, Herr, ich will dir zeigen, wie die Schmutzgesellen in die Falle laufen sollen.“

Er ließ zwei mit Fackeln aus einer Art wohlriechendem Harz versehene Sklaven vorangehen und folgte mit dem jungen Gelehrten in die Höhle, unter deren natürlichem Vorsprung man sich gelagert hatte. Wechselnde Lichter und Schatten trafen eine hohe, gewölbte Decke, Schlangen huschten an den Wänden hin, und Eidechsen schlüpften über das Gestein. Nachtschmetterlinge umflatterten neugierig das ungewohnte, helle Licht, große Eulen streiften schweren Flügelschlages die Köpfe der Wanderer, und Fledermäuse schwirrten nach allen Seiten durch die Luft.

Rechts im Hintergrunde dieser weitgedehnten Höhle zweigte sich ein enger Weg ab, den nur wenige Menschen zugleich betreten konnten. Vorspringende Felsstücke verdeckten ihn dem Auge; — wer nicht wußte, daß hier ein Pfad hinausführte in den Wald, der mochte tagelang suchen, ehe er ihn fand. Anderseits brauchte nur an der rechten Stelle einer dieser umherliegenden Blöcke etwas verschoben zu werden, und der enge Durchgang existierte nicht mehr.

Tippoo stand still; sein Auge glänzte, seine ganze Haltung war straffer geworden. Er deutete mit der Rechten zum anderen Ausgang. „Dort denken uns die feigen, schwarzen Hundesöhne zu überfallen und uns trotz der Feuergewehre durch ihre Mehrzahl zu erdrücken,“ sagte er. „Weißt du, was ihnen dafür zu teil werden soll? Wir flüchten in die Höhle hinein bis an diesen Seitenpfad und locken im Dunkel die Verfolger nach, während uns selbst der Engpaß sicher hinausführt. Sie kennen die Felsen nicht, sie drängen ungestüm vorwärts und wähnen, daß ihre List uns sämtlich in die Falle gelockt hat, — unterdessen aber sind wir schon auf Umwegen wieder hier, gedeckt durch die großen Blöcke; wir haben das Wild schußgerecht in der Höhle, aus der es kein Entrinnen gibt. Ihr feuert, feuert, bis es drinnen still wird, bis kein Angstschrei mehr die Luft zerreißt, — Schakale oder Neger, das ist gleichviel; heute morgen bei der Jagd auf die roten Räuber dachte ich an diese Felsen; — es soll kein Schwarzer entkommen; noch nachgeborne Geschlechter sollen mit Staunen von der Heldenthat Tippoos sprechen, — die Singhalesen werden ihre Hände baden in dem Blute der schlechten Veddas.“

Als er seine Rede beendet hatte, winkte der Häuptling den Sklaven wieder umzukehren. „Ihr Weißen bleibt zwischen den Felsspalten vorn am Ausgang der Höhle versteckt,“ sagte er. „Meine Leute und ich, wir locken die Schwarzen hinein. Erst wenn ihr mich rufen hört, gebt ihr Feuer.“

Holm nickte stumm. Er hielt es für unnötig, jetzt dem braunen Halbwilden zu widersprechen, aber dennoch stand der Entschluß, das beabsichtigte Blutbad um jeden Preis zu hintertreiben, in ihm vollkommen fest. Das „Wie“ mußte der Augenblick entscheiden.

Die Fackeln erloschen; im letzten Tagesschein wurde gegessen und getrunken und dann die Ruhe gesucht. Von den Negern war weit und breit keine Spur zu sehen.

Der Donner krachte, Blitze durchzuckten die dunkle Luft, ganze Fluten warmen Regens ergossen sich. Es hätte den unter dem natürlichen Wetterdach Gelagerten ganz behaglich zu Mute sein können, wäre nur nicht der Gedanke an die Schwarzen immer wieder als Störenfried in den Vordergrund getreten. Aber wer konnte denn behaupten, daß sie wirklich in der Nähe waren?