„Ich möchte ihr Erstaunen gesehen haben,“ lachte Franz. „Wie sie wohl suchten und suchten und sich hundertmal an allen Felsecken stießen, gewiß glauben sie jetzt an Zauberei.“

„Natürlich. Da sie fast niemals Weiße sehen, halten sie dieselben ohnehin für Wesen, die mit den bösen Mächten in Verbindung stehen. Eins weiß ich gewiß, daß sie nämlich jetzt wie gehetzte Hasen in ihr Dorf zurückflüchten. Schade, schade, wir hätten einen ganzen Stamm ausrotten können.“

Holm lächelte und nickte mit den Augen dem Doktor, der eben seiner höchsten Entrüstung Worte geben wollte. „Du sollst es nicht bereuen, dich unseren Wünschen gefügt zu haben, Häuptling,“ sagte er, „wir werden dir den versprochenen Lohn unverkürzt auszahlen und außerdem auch noch einen anderweitigen für deinen Geldbeutel sehr ersprießlichen Vorschlag machen. Freilich im Augenblick ist uns nichts so nötig als Schlaf.“

Das erkannten alle, und im Schatten hoher Tamarinden und Arekapalmen, eingesungen vom Chor der buntgefiederten Waldbewohner, schlummerten sie diesmal dem Sonnenaufgang entgegen, obwohl freilich aus den regenschweren Zweigen bei jedem Windstoß ganze Schauer von Tropfen herabrauschten und stellenweise alle Kleider durchnäßten. Das konnte nicht nachteilig sein, Luft und Wasser waren warm, der Wind schaukelte die Hängematten wie auf hoher See, die Gefahr lag hinter den kecken Abenteurern, — sie schliefen bis Mittag, während die Singhalesen längst ein Feuer mit vieler Mühe entzündet hatten und daran ihre durchnäßten Kleider trockneten.

Nach einem erfrischenden Bade wurde die Reise fortgesetzt und das Dorf auf den Bäumen in einigen Tagen glücklich wieder erreicht. Hier kam nun Holms Vorschlag zur Sprache. Er wollte die beiden Matrosen, welche unterdessen eine wahre Küchenrevolution unter den Frauen veranlaßt hatten, in Begleitung einiger Sklaven zum Schiff zurückschicken und den Kapitän auffordern, ohne seine flüchtigen Passagiere nach dem Hafen von Galle zu steuern und dieselben erst da wieder an Bord zu nehmen. „Du, Freund Tippoo,“ setzte er hinzu, „bringst uns mit einem guten Gefolge nach diesem Hafenplatz und bekommst dort dein Geld. Ich möchte einmal mit eigenen Augen sehen, wie sich auf einer und derselben Insel Schritt um Schritt die tiefste Vertiertheit des Menschengeschlechts in europäische Kultur verwandelt. Bist du einverstanden, Tippoo?“

Der Singhalese nickte, und so machten sich denn die beiden Teerjacken in Begleitung mehrerer Sklaven, schmerzlich betrauert von der weiblichen Bewohnerschaft des Dorfes, an einem schönen Morgen auf den Weg, während die Herren mit dem Häuptling und einer Schar dienstbarer Geister den Marsch in der Richtung auf Galle antraten. Madame Tippoo und ihre Kleinen hatten reichliche Geschenke erhalten; von dem ganzen sauberen, gastlichen Dorfe ward ein freundschaftlicher Abschied genommen, und sowohl Schakale als auch die jungen, inzwischen tüchtig herangewachsenen Tiger und ein wildes Pfauenpärchen in Käfigen von Bambusgeflecht den Sklaven auf den Rücken geschnallt. Allen denen übrigens, die den Zug zu den Veddas mitgemacht, verabreichten Holm und der Doktor ein anständiges Geschenk, — Tippoo erlaubte gnädigst, daß sie es annehmen durften.

Und so wurde von Dorf zu Dorf der Weg durch das paradiesisch schöne Land zurückgelegt; erst einzeln, dann immer zahlreicher erhoben sich aus dem Grün der Wälder die stattlichen Kaffee- und Zimtpflanzungen; es erschienen Wirtshäuser, europäische Speisen, weiße Menschen und endlich zwischen Kolombo und Galle schaukelnd im gemächlichen Trott des Viergespanns ein Omnibus. Die Knaben wollten sich bei diesem Anblick ausschütten vor Lachen. Da wo sie noch so kürzlich mit Tigern und wilden Menschen gekämpft, ein Omnibus wie auf dem Pflaster von Hamburg! — Sie rasteten nicht, bis das Gefährt in Beschlag genommen war, und bis Weiße und Wilde, Raubtiere und kreischende Pfauen sehr zum Erstaunen der Bewohner von Galle auf dem Vierspänner dahergerasselt kamen.

Vorüber an Häusern ohne Fensterscheiben und feste Dächer, vorüber an Menschen von allen Farben, Negern, Chinesen, Weißen, Indoarabern, Malabaren und Singhalesen, bis hinaus zum Hafen. Da lag schon die „Hammonia“ vor Anker, da begrüßte Papa Witt mit ein paar tüchtigen Böllerschüssen die Ausreißer, da fanden sich Briefe von Hamburg und da dehnte man so recht nach Herzenslust die Glieder in bequemen Betten wieder aus.

Tippoo wurde von dem Kapitän mit allen Ehren empfangen. Man gab ihm auf dem Schiffe ein Gastmahl, an dem die Offiziere aller im Hafen liegenden hamburgischen Fahrzeuge teilnahmen. Er aß auch bei dieser Gelegenheit keinen Braten und trank keinen Wein, aber man sah, wie sich sein Häuptlingsstolz geschmeichelt fühlte, wie er erhobenen Hauptes durch die Straßen ging, als wolle er sagen: „Seht, ich bin der, dem zu Ehren die Weißen ein rauschendes Fest veranstalteten.“

Nach einem herzlichen, beinahe innigen Abschied von dem Manne, der auf einem Baum wie ein Vogel wohnte, der ein Wilder war und doch ein so redliches, ehrenhaftes Herz besaß, nachdem Tiere und Briefe mit dem Postdampfer abgesandt und die Haufen von Blumen, Pflanzen, Insekten und Strandgeschöpfen, welche man gesammelt, erst vorläufig untergebracht waren, lichtete das Schiff die Anker und steuerte den Sundainseln zu.